Wuhu! Die Nacht ist überstanden und freudig erwache ich mit übelsten Halsschmerzen inmitten der sicheren Prager Innenstadt. Selbst das sekündliche Sirenengeheul der Polizei bei Nacht konnte mir meinen geruhsamen Schlaf und die Illusion von Sicherheit nicht nehmen. Punkt sieben Uhr schreibe ich der Bumskanone Michael, dass es zeitet. Prag will erkundet werden!

Wir treffen beim Hotelfrühstück aufeinander und begutachten uns mit skeptischer Miene. Während ich mit Sack und Pack auf Schnee- bis Sonnen- und Sandstürme vorbereitet bin, überrascht Michael mit einem luftig-lockeren Kurzarmshirt und beweist direkt zu Anfang des Trips, was er vom romantischen Herbstwetter in der tschechischen Hauptstadt so hält.

Beim morgendlichen Schlemmen fällt mir insbesondere die asiatisch geprägte Personenlandschaft auf. Straßenbahn in PragAm Tisch nebenan wühlt ein Asiate in Eierschalen herum und baut sich einen Turm aus Gurken. “Andere Länder, andere Sitten” denke ich mir und stopfe mir zentnerweise Pute und Schinken in den Wanst. So etwas nenne ich deutsche Esskultur!

Als es losgeht, steuern wir direkt auf die Haltestelle der Straßenbahn zu. Mit der 15 fahren wir in Richtung Prager Altstadt. Ausgestattet mit einem “Fahrschein für Senioren” geht es für uns erfahrene Touristen mit Blick für die besonders preisgünstigen Transportoptionen in die bis zum Überlaufen gefüllte Straßenbahn, in der ich neben einer 15-Jährigen mit starker Beinbehaarung ausharre.

“Můžu se podívat?”, frage ich sie. Antwort erhalte ich nicht. Sei es drum. Es folgt ein kurzer Abstecher in die Café Bar, in der ich etwas lange auf meinen Cappuccino warten muss. Nach Erhalt beruhigt mich Micha beiläufig mit dem Ausspruch “Meine Latte kommt auch”. In Deckung springend visiere ich unser erstes Ziel an: die Prager Burg!

Auf Leben und Tod

Endlich angekommen peilen wir gewohnt zielstrebig den höchsten Punkt unserer Route an und verschaffen uns erst Prag von obeneinmal einen Überlick. Tatsächlich hält Prag eine erstaunlich imposante Impression bereit. Doch kommen wir zu dem wahrlich Wichtigen: dem Alkohol.

Denn nachdem wir uns ausgiebig mit dem größten zusammenhängendem Burgareal der Welt beschäftigt haben, auf den Spuren der alten böhmichen Herzöge und Könige wanderten, den Zweiten Prager Fenstersturz imitierten und auf den Ausbruch eines neuen 30-jährigen Konfessionskriegs warteten, aber nichts passierte, ziehen wir gelangweilt Weingartenvondannen und genehmigen uns erst einmal einen Glühwein im Weingarten.

Nach getaner Arbeit geht es direkt weiter in das “Goldene Gässchen”. Voller Spannung erwarte ich den “Lapis philosophorum” zu finden, der mich endlich auf die transzendente Stufe eines höheren Ichs katapultieren und Micha einige seiner besten Jahre zurückschenken soll – er ist schon 32 Jahre alt. Zudem soll der Stein der Weisen bekanntermaßen Disharmonien läutern, eine Eigenschaft, die sich angesichts einer zunehmenden zwischenmenschlichen Spannung unter den beiden Wanderern als besonders positiv herausstellen dürfte.

Rüstungen und SchwerterDoch er ward nicht gefunden und so ziehen wir weiter durch die Winkelgasse, bis wir etwas deutlich Effizienteres finden sollen, um die Spannung abzubauen: alte Ritterrüstungen, Folterwerkzeug, Schwerter und Hellebarden. Dass wir nicht lange zögern und uns direkt einen Kampf bis auf das Blut liefern, muss ich an dieser Stelle wohl kaum erwähnen.

Nachdem ich mich für Dreizack und Fischnetz entschied, greift mein Kontrahent zu Kurzschwert und Schild. SackuhrNach stundenlangen Drohgebärden sind wir indes völlig erschöpft und vertagen unseren Kampf. Ein Blick auf meine Sackuhr verrät mit unterdessen, dass es nun Zeit für ein klassisches Konzert sei!

Beethoven, Drehorgeln und Penisse

Nach dem Verlassen der Alchimistengosse und auf dem Weg in die gehobenen Viertel der Prager Kulturlandschaft werden wir erneut Zeuge einer kulturellen Begegnung der etwas anderen Art.

Auf einem hell erleuchteten Platz inmitten eines Wochentages reihen sich mittvierziger Damen mit asiatischem Background auf, um einer Statue nacheinander und mit sicherem Griff an den güldenen Penis zu fassen. Nicht ganz sicher ob der Geschehnisse apparieren wir schnurstracks. Ihr glaubt uns nicht? Seht selbst!


Als wir im Prager Konzertsaal eintreffen und Micha mir erst einmal zeigt, wie man auf einer Miniatur-Drehorgel zu spielen hat und mir deutlich macht, dass die Fähigkeit, den korrekten Dreh-Rhythmus anzusetzen, im Vergleich zu meinen lächerlichen Klimperfähigkeiten auf dem Klavier wohl deutlich mehr musisches Talent einfordert, freuen wir uns auf Piano, Geige und das hölzerne Querblasinstrument.
Konzertsaal PragSchwermütig delektieren und laben wir uns an den Klängen von Beethoven bis Charpentier, Smetana bis Vivaldi und verlassen das musikalische Paradies nur widerspenstig, um uns analog zu den akustischen Feinheiten mit fettigen Burgern und Pommes eine dekadente Wohltat der kulinarischen Art beizufügen. Guten Appetit!
Burger in Prag

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