Wieder eine Nacht überstanden, welch ein Glück! Mit Können hat unsere Alpenreise unterdessen lange nichts mehr zu tun, da bin ich mir zu diesem Zeitpunkt sicher. Wer jemals bei gefühlten Minusgraden ohne Möglichkeit, sich aufzuwärmen, auf einem Berg erwacht ist und in klitschnassen Klamotten steckte, der mag nachvollziehen können, wie ich mich zu diesem Zeitpunkt fühle. Doch glücklicherweise starten wir an diesem Tag nicht direkt zu einer neuen 20-Kilometer-Tour, sondern beschließen, den Wandertag mit drei kakaohaltigen Getränken zu beginnen.

Hüttenernie empfängt uns diesen Morgen mit süffisantem Grinsen und ausgeruht. Demgegenüber ich: Fertig. Aus dem “Kraftlackl”, den ich vielleicht nicht ganz ohne geheimen Stolz noch am letzten Tage von mir wies, ist ein “Zniachterl” geworden, der kurz davor ist, sich auf den Boden zu schmeißen und nach seiner Mama zu rufen. Doch anmerken lasse ich mir natürlich nichts und insgeheim bin ich doch beglückt, mich genau in dem Abenteuer zu befinden, das ich mir selbst versprochen hatte. Also, raus aus der Hütte und weiter geht’s!

Fuad und der Gipfelstürmer

07.55 Uhr

Frohen Mutes wandern wir los und stoßen direkt nach den ersten Metern auf die gewohnten Probleme. Wo geht es eigentlich lang? Hüttenernie hatte uns zwar eine relativ genaue Anweisung gegeben und unsere Fragen mit den Worten “Auf keinen Fall könnt ihr den Weg verfehlen” beantwortet, doch, wie vorherzusehen, finden wir eben jenen Weg nicht.
Bereits kurze Zeit später durchstreifen wir meterhohe Sträucher, überqueren reißende Bächlein und wehren uns gegen allerlei tierisches Kleinvieh, das uns bereits am Morgen die sprichwörtliche Tour versauen will.

Urplötzlich bemerken wir auf der anderen Seite des sich mittlerweile neben uns befindlichen Bergsees zwei Jagdgesellen, die mit Harpune und Fangnetzen nach hiesigen Fischen jagen. Dessen sind wir uns sicher. Als die Fischer unser Dreigespann erblicken, meinen wir, von Weiten wild ausufernde Gebärdensprache zu deuten. Wedelnd und rudernd scheinen die beiden Männer uns etwas mitteilen zu ich gut draufwollen. “Ach, schau mal dort, wie sie uns winken, da wink ich doch glatt zurück!”, sage ich zu den beiden anderen, während ich meiner guten Stimmung durch den bekannten gehobenen Daumen Ausdruck verleihe.

Unbeirrt gehen wir also weiter, als wir dann auch noch lautes Rufen vernehmen. “Ob die uns warnen wollen?”, fragt Fuad. “Quatsch, wovor denn? Es droht keine Gefahr!”, konstatiert Micha das Geschehen und fordert uns, bereits etwas angenervt von der durchaus angebrachten Vorsicht, auf: “Trottet euch, Hobbits!”

Da auch der Weg etwas begehbarer wird, wähnen wir uns – wieder einmal – im Recht. Doch dann: Das Ende des Pfades. Kein Vorbeikommen, kein Weiterkommen, nicht einmal eine Kraxelmöglichkeit. Das zumindest war meine Meinung. Man.

11.15 Uhr

Kaum habe ich mich selbst davon überzeugt, dass es mir das Risiko nicht wert ist, den lebensmüden Pfad zu beschreiten, dass es gar für Menschen unmöglich sei, dort hinüberzugelangen, seh ich Fuad die ersten Schritte tätigen – so, als ob es ganz selbstverständlich sei. Micha folgt ihm natürlich sofort. Verwundert schauen sich die beiden um, wo der so ansonsten so wagemutige Patrick denn bleibe. Mich allerdings hat es zurückgeschlagen. “Ich geh außen rum!”, schrei ich den Verrückten entgegen und ziehe peinlich berührt vondannen.

Dabei denke ich mir allerdings, ob ich den beiden nicht doch zu Vernunft raten sollte. “Wenn hier einer stirbt, dann bin ja wohl ich das!”, denke ich so in mich hinein und lass meine Gefährten letzten Endes dennoch walten. Einmal blicke ich mich noch um und sehe Micha, mir mit heiterem Gemüt zum Abschied winken. “Dieser Trottel”, springt es mir in den Kopf. Schaut ihn euch doch an.

Micha winkend

Ich hingegen mache mich laufend auf den Weg zurück, um den eigentlichen und deutlich sichereren Pfad zu beschreiten. Nach circa einer Stunde überquere ich den just erwähnten See über eine Brücke, die aus einem einzigen Stück Holz gefertigt ist, so scheint mir: morsch, brüchig, einfach mit all den Attributen versehen, die man sich beim Überqueren einer Schlucht oder eines reißenden Flusses so wünscht.

13.23 Uhr

Auf der anderen Seite erblicke ich meine Freunde, die nur noch als kleine schwarze Punkte an einer monumentalen Felswand erscheinen, wie sie verzweifelt gestikulierend dem jeweils anderen zu übermitteln versuchen, was in dieser aussichtslosen Situation zu tun sei. “Kann mir ja egal sein”, bewerte ich die Situation mit ein wenig Häme.
Diese Gehässigkeit wird aber zugleich bestraft, als ich – joggend mit Gepäck – sehe, welchen Weg ich noch vor mir habe.

Unterdessen laufe ich an den vorab beschriebenen Anglern vorbei, die mich mit einem Kopfschütteln auffällig unauffällig versuchen zu ignorieren. “Grüüüüüüüüß diiiiioooaaa”, rufe ich betont selbstbewusst. Ich habe alles unter Kontrolle.

Was man von den beiden anderen zu diesem Zeitpunkt gewiss nicht behaupten kann. Aber wie es nicht anders zu erwarten war, meistern sie auch diesen Überstieg mehr oder minder unbeschadet – bis auf Fuad womöglich, der – wie ich zuvor – während des Überstiegs auf Tuchfühlung mit Michas Arsch gehen musste, der auch mir vor einigen Tagen bereits eine böse Überraschung bescherte. “Never change a winning team”, rufe ich den beiden siegesbewusst zu, als wir uns am Ufer des Sees wiedersehen und beschließen, das erste Abenteuer des Tages auf dem benachbarten Staudamm nochmals Revue passieren zu lassen und feststellen, dass der da(r)mmbrucherfahrene Micha heute eine ganz andere Dammerfahrung machen durfte.

Bergsee

15.39 Uhr

The show must go on. Und so machen wir uns wieder auf den Weg, um den nächsten und hoffentlich letzten Part des Tages hinter uns zu bringen. Auf ebenem Terrain kann dann auch ich wieder meine Stärken ausspielen: Dumme Ratschläge geben und schnurstracks geradeausgehen. Während ich schon fast im Stechschritt unterwegs bin, Micha flotten Fußes mithält, lässt es Fuad etwas ruhiger angehen. Der Schreck auf dem Damm steckt ihm wohl noch in den Gliedern.

BerghütteAls wir auf einmal bemerken, dass wir im Grunde noch gar keine Höhenmeter hinter uns gebracht haben, gefriert sich unser Lachen dann doch zu Eis, zumal uns unsere kleine Klettertour zeitlich stark zurückgeworfen hatte. Aber sei es drum. “Bestimmt nur noch ein Kamm, oder?”, ruf ich zu Micha herüber, der mir zustimmend zunickt. Nun, drei bis 20 Kämme sollten es dann aber doch noch werden.

Auf unserem Weg zur Hütte sollte sich sodann nicht mehr allzu viel ereignen, worüber wir alle ziemlich froh waren. Vor uns erblicken wir nach einigen Stunden die sehnlich herbeigewünschte Hütte, auf der wir uns, wie üblich, zu allerlei Köstlichkeiten einladen, die in diesem Fall in einen überschwänglichen Umtrunk münden. 25 Minuten nach dem Essen und vier naturtrübe Bergradler später lachen wir uns schaukelnd und schunkelnd die Kehle aus dem Leib, als wir uns den bisherigen Tag in Erinnerung rufen.

Völlig voll geht es dann wieder nach draußen, nachdem wir inmitten der illustren Spießergesellschaft schnell bemerkten, dass man für die lockere norddeutsche Wandertradtion, sich nach erfolgreichem Trip so richtig zu besaufen, in der Alpenregion wohl nur wenig Verständnis aufbringen kann oder will.

19.45 Uhr

Wer noch niemals mit zwei Promille Blutalkohol und schwerem Gepäck über messerscharfe Felsblöcke getorkelt ist, dem sei dies an dieser Stelle empfohlen. Während wir so nach einem Schlafplatz suchen und uns mit den gewohnten Schwierigkeiten auseinandersetzen, gelangt schlussendlich doch noch die Erkenntnis zu mir, vor der ich mich so lange sträubte: Nächstes Mal, Patrick, da nimmst du ein Zelt mit. Denn wer hat schon Lust, betrunken und vollständig ausgelaugt eine Plane zu einer funktionellen Behausung zusammenzufriemeln?!

Zwar finden wir relativ zügig ein geeignetes Plätzchen, zum Aufbau einer meiner mittlerweile berühmt-berüchtigten Tarp-Konstruktionen fühle ich mich indes nicht mehr imstande. Micha, der Trunkenbold, kann allem Anschein nach erst durch Alkohol auf seine verborgenen Kräfte zugreifen und ihm gelingt es, einen tatsächlich brauchbaren Unterschlupf zu konstruieren.

All dies geschieht, während ich mich bereits längst in Fuads Zelt geschummelt habe. “Ich habe fertig für heute!”, schwirrt es mir im Kopfe, als ich mich mit Blick auf die untergehende Sonne zur Nacht bette wie ein Schmetterling, der nur zurück in seinen Kokon entschwinden möchte, hoffend, am nächsten Tage ausgeruht in den letzten Tag unserer Abenteuerreise starten zu können.

Abendsonne

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