Es war bereits 07.00 Uhr in der Früh, als ich erwachte. Das Wetter meinte es diese Nacht nicht sonderlich gut mit mir. Es war aber die erste Nacht, die ich gänzlich allein verbrachte. Die anderen beiden Deppen teilten sich dieses Mal eine Behausung. Wir übernachteten unweit der Hütte entfernt, an der wir am Abend zuvor noch kohlenhydratreiche Stärkungen zu uns nahmen, inmitten eines freien Feldes. Wie immer standen auch hier die Möglichkeiten schlecht, eine adäquate Behausung zu errichten. Als mittlerweile professioneller Survival-Experte – nach zwei Tagen in den Bergen behaupte ich dies mit Fug und Recht – gestaltete sich mein Tarp-Unterschlupf sowohl funktional als auch optisch als die gewünschte sichere Überdachung gegen das stürmische und regnerische Unwetter. Aber seht selbst.

Profi-Tarp

Jedenfalls staunte ich nicht schlecht, als Schlafsack, Rucksack und – kurioserweise – sogar meine Wolldecke gänzlich durchnässt waren, derweil sich die Nacht dem Ende neigte und ich begann, erste Maßnahmen gegen akute Panik zu ergreifen. “Nur nicht nass werden!”, schwirrt es mir noch im Kopf rum. Immerhin: Knapp zwei Tage konnte ich der wichtigsten Regel in den Bergen Folge leisten!

Da mir keine andere Wahl blieb, packte ich meine Sachen. Auch die anderen waren bereits mit Sack und Pack aufgerödelt und bereit, neue Höhen zu erklimmen. Ein wenig trotzigen Neid konnte ich unterdessen nicht verstecken. Den anderen Gipfelstürmern war eine deutlich trockenere Nacht beschert gewesen. Aber hey, was soll’s, weiter geht’s!

8.35 Uhr

Als wir losgehen, folgen wir zuerst einem sandigen Pfad. Auch die Sonne zeigt ihr freundliches Gesicht und besonders meine Wenigkeit ist ob der überraschend warmen Wendung des jungen Tages wohlig zumute. Doch bereits nach kurzer Zeit verlässt uns erneut der bereits des Öfteren angepriesene Orientierungssinn und wir wissen nicht so recht, welcher der Berge der unsrige ist. Glücklicherweise begegnen wir einem Jungen-Mädchen respektive Mädchen-Jungen, markantes Gesicht, riesige Pranken, hellblond gelocktes Haar mit Schleifchen eingeflochten, der/das uns den Weg weist.

Nur einige Meter weiter übernehme ich mich bei der Überwindung eines Seils, das monumentale 10 Zentimeter über den Boden gespannt ist und den Pfad vor unbefugtem Betritt bewahren soll. Ich falle fast. “Aber den 2.000 Meter hohen Berg meistere ich gewiss mit Geschick”, denke ich so in mich hinein, während die anderen Kumpanen lachend und spöttisch dreinblicken.

Luftige HöhenAls mittlerweile unangefochtener Trottel unserer geselligen Wandertruppe führe ich die Bande dann endlich wieder in luftigere Höhen. Der Anblick der gewaltigen Steinriesen ist trotz des mittlerweile fast schon gewohnten Anblicks noch immer einmalig faszinierend.

Zwar genehmigen wir uns auf unserem Kraxelweg nun die ein oder andere Pause mehr – wir haben ja aus den letzten beiden Tagen gelernt – dennoch geht es zügig voran, bis uns buchstäblich ein Drahtseilakt erwartet.

11.24 Uhr

Ich, die personifizierte Trittsicherheit, breche in schallerndes Gelächter aus, als mir mein Tod in weiser Voraussicht von den anderen Halunken vor Augen geführt wird. Denn nach der Meisterung des Kamms geht es hinab, steil, an einer Steilwand. Selbstsicher lasse ich der kleinen Wandergruppe, die uns mittlerweile eingeholt hat, den Vortritt und schaue, wie die neunjährigen Kinder sicheren Schrittes hinabsteigen. “Da lasse ich mich ja nicht lumpen!”, gebe ich mit zittriger Stimme vor, packe das raue Stahlseil mit fester Hand und lasse mich unbeirrt in die unendliche Tiefe gleiten.

Unendliche Tiefe“Unten ankommen wirst du auf jeden Fall”, denke ich mir. Oben vernehme ich hämisches Grinsen. Micha fühlt sich zu diesem Zeitpunkt nicht bloß aufgrund seiner erhöhten Position überlegen. Nach gefühlten Stunden und dem einen oder anderen Rutscher, an den ich mich mittlerweile gewöhnte, lande ich dann doch unten auf sicherem Gelände. Der Abstieg war geschafft. Und das sogar relativ heile!

Dann fällt mir hingegen auf, dass der dritte Mann im Bunde einmal wieder aus dem Blickwinkel entschwunden war. “Ey man, wo ist eigentlich Fuad?”, röhre ich hinauf zu Micha. Einen Wink weiter erblicke ich den lebensmüden Halbwüchsigen, wie er er sich auf eine Schneedecke setzt und entscheidet, die 100 Meter, die es in die Tiefe geht, abzukürzen: “Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist bekanntlich ein Gletscher”, konstatieren wir und sehen, wie Fuad tatsächlich hinabrodelt. “Das müsste Rodeln im eigentlichen Sinne sein”, kommentieren wir die Szene etwas lapidar, unwissend, ob der Rodler-Neuling das waghalsige Rennen mit seinem Leben bezahlt oder nicht.

Gletscherrutsch

13.45 Uhr

Urplötzlich entdecken wir inmitten eines Geröllfeldes Fuad wieder. Wieder einmal hat sich bewiesen, dass alle Wege in den Bergen auf kurz oder lang nach unten führen – welch Ironie. Micha und ich kämpfen uns über messerscharfe Felsbrocken und entdecken vor, neben und unter uns metallischen Unrat, den wir flugerfahrene Piloten umgehend abgestürzten Maschinen, in diesem Fall einer “Focke-Wulf Fw 190”, der sogenannten “Würger, aus dem 2. Weltkrieg zuordnen.Flugzeugteil

Fuad hat unterdessen eine neue Bekanntschaft gemacht. Ein junger Wandersmann gibt sich zu erkennen, der mir mit seiner österreichischen Altweiberfrisur nicht ganz integer erscheint. “Er folgt uns bereits seit drei Tagen”, werfe ich mit einem leichten Anflug tiefsitzender Paranoia entgegen. “Wir sollten Vorsicht walten lassen und zum Äußerten greifen, wenn nötig!”, fahre ich fort. “Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand”, werde ich daraufhin von Micha belehrt. “Närrischer Tuk!”, schallt es ihm entgegen, als ich mich spöttisch abwende.

Am Ende sollte sich der junge Mann als unterhaltsamer Geselle herausstellen, der uns den weiteren Weg bis zur Hütte weist, auf der wir – wie gewohnt – hastig um Verpflegung in Form von Gerstensaft bitten. Just in diesem Moment gesellen sich auch noch zwei schicke mittsechziger Damen zu uns, die mich direkt als “Kraftlackl” betiteln. Nicht wissend, ob sie mich auf ein Duell herausfordern, reagiere ich mit tollkühnen Drohgebärden. Nach einigen weiteren Minuten beschließen wir, uns nach draußen zu begeben, um ein geeignetes Plätzchen für unser Shelter zu finden.

16.29

Tristesse macht sich rasch breit, als das Wetter wieder einmal beschließt, uns das geruhsame Leben in den Bergen zur Hölle zu machen. Auch der Aufbau unseres Unterschlumpfs gestaltet sich aufgrund des Sturms, der sich urplötzlich bahnbricht, nicht gerade einfach. Gegen Windmühlen kämpfend verlegen wir Stein um Stein, als der Himmel seine Pforten öffnet und uns obendrein mit wasserfallartigen Regengüssen betröpfelt. Fuad hatte sich zu dieser Zeit selbstverständlich wieder in sein wasserfestes Zelt zurückgezogen.

Im Zelt

Doch schlussendlich bezwingen wir Mutter Natur und erbauen einen mehr oder minder vorzeigbaren und verlässlichen Unterbau an einem Steinhang. Einige abschließende Worte finden Micha und ich noch, für ein Selfie ist natürlich ebenfalls Zeit, bevor wir uns auf unseren Steinkissen zur Ruhe betten.

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