“Verdammte Fresse noch eins!”, denke ich, als ich plötzlich aufwache und bemerke, dass mir im Sekundentakt eiskalte Wassertropfen in das Gesicht springen. Als ich im Halbschlaf nach meiner sich gewohnt neben dem Bett befindlichen Stehlampe greife, um der Sache auf den Grund zu gehen, kommt die Erkenntnis: Ich liege nicht in meinem Bett. Stattdessen befinde ich mich mitten im Nirgendwo, in den Alpen, auf irgendeinem Berg und drohe – zu ertrinken, derartig hoch ist bereits der Wasserstand in meinem “Zelt”. Nach der Freude darüber, dass das Dach meines Hauses nicht löchrig zu sein scheint, steigt der Ärger darüber empor, dass mich ein wesentlich schlimmeres Schicksal ereilt: Ich liege in einer Pfütze, die schon fast meterhohe Wellen schläft. Es ist Nacht. Ich sehe nichts. Es sind gefühlte -10 Grad Celsius. Ich rufe um Hilfe: “Help, help, help!” Doch Hilfe wird nicht kommen.

Währenddessen vernehme ich tiefes und geruhsames Schlafen aus dem Nachbarzelt. Die Investition in ein überdachtes und schnell aufzubauendes Gehäuse macht sich bei Fuad bezahlt. Meine Meinung, Zelte seien nichts für echte Abenteurer, bereue ich bitterlich. Aber nun gut, jetzt gilt es, seinen Mann zu stehen. Ich bemühe mich aus meinem Schlafsack, in dem ich nur mit Boxershorts bekleidet liege, in die freie Wildbahn, blind mich emportastend und bemüht, mein Tarp-Konstrukt zu richten. Nebenan dreht sich Micha in wolliger Wärme umher und unterstützt mich mit der Anweisung, ich solle mich verdammt nochmal beeilen, ihm sei kalt in seinem High-End-Schlafsack und er hätte erst 10 Stunden geruht.

Einige Steine richte ich hin und her, stelle einige Stöcker wieder auf und das Tarp liegt wieder auf Spannung. Herausforderung bestanden und es bleibt sogar noch Zeit, einige Stunden zu schlafen….

6.29 Uhr

Wie gewohnt erwache ich als erster aus meinem doch sehr leichten Schlaf. Froh ob der Tatsache, dass unsere minderwertige Behausung die Nacht überstanden hat, versuche ich, mich wieder in meine Wanderausrüstung zu zwängen. Als Rudelführer sorge ich mich selbstverständlich auch um meine Herde. Fuad scheint bereits wach. Nur von Micha ist noch nichts zu hören. Nach einigen lauten Rufen bittet mich der Abenteurer, ihm nur noch 30 Minuten zu geben. Kopfschüttelnd und etwas besorgt krame ich im Rucksack nach meiner Taschenlampe, um mich visuell von seinem physischen Wohlergehen zu überzeugen und begehe den Fehler meines Lebens:

Ich leuchte in den hinteren Teil unserer Tarp-Konstruktion und starre auf den Arsch meines Kumpels, der sich mir spöttisch entgegenstreckt. Wildes Geschrei verlässt meinen Mund. Micha reagiert mit einem souveränen: “Hä?! Was leuchtest du hier hinein?”
Nachdem der Schrecken allmählich versiegte, bemühen wir uns dann doch auf, packen unsere sieben Sachen und machen uns auf den Weg, den schwierigsten Abschnitt unserer Reise zu meistern: den unendlichen Pfad.

Der unendliche Pfad

7.11 Uhr

Schnell bemerken wir, dass es selbst in den Sommermonaten nicht allzu warm auf dem Berge ist – besonders nicht zu einer derartig unchristlichen Zeit. Als wir die ersten Gletscherreste erspähen, fröstelt es uns noch um einiges mehr. Schwermut liegt auf dem Lande und bedeckt kurzfristig unser helles Gemüt. Gletscherrest Doch natürlich hält uns dies nicht ab, Schritt um Schritt voranzuschreiten, wir sind ja bestens vorbereitet – auch mental. Die ersten zehn Minuten wandern wir tatsächlich ohne Pause und erste Theorien werden geäußert, unsere Körper hätten die raue Bergluft sehr schnell adaptieren können. Der Energieriegel, den ich mir einige Sekunden zuvor verabreicht habe, dürfte sich ebenfalls ausgezahlt haben. Fast schon unspektakulär spulen wir Meter um Meter ab. Die Nebeldecke gewährt uns derweil keinerlei Aussicht und wir verlieren uns in schwärmerisches Gerede, als mein rechter Fuß auf unsicheres Terrain tritt und ich beinahe 3.278 Meter in die Tiefe stürze. Gelächter bricht aus, mir stockt der Atem und wir entscheiden uns für eine kurze Pause und eines dieser Fotos, auf dem man nur die Landschaft und Füße sieht. Das ist ja nun voll angesagt, also müssen wir etwas Derartiges auch machen.Füße

10.12 Uhr

Es geht nach der kurzen Verschnaufpause immer weiter hinauf. Wir überholen die Wolken, ziehen an Gott und Jesus vorbei und wundern uns, dass wir in derartigen Höhen noch immer ohne zusätzlichen Sauerstoff überleben können. Wir kraxeln und klettern, überwinden Felsenschluchten und Gletscherspalten, bewältigen 90-Grad-Steilhänge und erstarren urplötzlich in verharrender Ruhe, als wir durch das dichte Nebelgewirr unter einem blauen Himmel emporgestiegen sind und von einer Aussicht überrascht werden, die ihresgleichen sucht.
Aussicht Spitze

Nach einem kurzen Aufenthalt nehmen wir schweren Herzens Abschied von dieser majestätischen Höhe, auf der unserer Meinung nach noch nie ein Mensch zuvor gewesen sein kann. Aus der Ferne erblicken wir einen kleinen Gletschersee und nutzen diese Gelegenheit, uns Schweiß und Dreck aus dem Gesicht zu putzen. Hüpfend und jauchzend gehen wir unseres Weges, sollten jedoch schon bald vor einer neuen Herausforderung stehen.

14.05

SteilwandWir gelangen an eine pompöse und ebenso furcheinflößende Steilwand, die nicht einmal mit professioneller Bergsteigerrüstung zu überwältigen wäre. Wir machen uns mit Sack und Pack ans Werk, denn unsere Zehen sind unsere Steigeisen, unsere Hände unsere Eispickel. Micha und ich erklimmen unter zum Zerreißen angespannter Körperhaltung Zentimeter um Zentimeter, jederzeit der Gefahr trotzend, unendlich weit in das tiefe Nichts zu stürzen. Fuad entscheidet sich unterdessen, einen alternativen Weg einzuschlagen und schon bald gerät er aus unserem Blickfeld.
Fast die Hälfte der Wand erklommen, sehen wir hoch droben einen wuseligen schwarzbehaarten Kopf hinabblicken. Der flinke Fuad hatte einen alternativen Pfad abseits des Weges gefunden. Am Ende sollte sich herausstellen, dass dies der eigentliche Wanderweg war, Micha und ich hingegen den deutlich umständlicheren und nicht begehbaren Pfad wählten. Doch wir lieben bekanntlich die Herausforderung, vor allen Dingen die ungewollte.
Auf dem Gipfel

16.45 Uhr

Unser Leben am Ende doch erhaltend, schreiten wir nach getaner Arbeit voran. Neben uns erhebt sich Naturschauspiel um Naturschauspiel, Kamm um Kamm, doch wir schreiten voran. Die unendliche Weite will nicht abreißen, doch wir schreiten! Verdammt, einen ewigen Pfad zu folgen, werden wir überholt von Kindern und Frauen, Großeltern und ihren Enkeln. Allmählich fühle ich mich an Dantes Höllenkreise erinnert: Je näher wir dem Ziel rücken, desto schrecklicher wird der Pfad. Und jedes Mal, da wir denken “Gleich ist es geschafft”, erwartet uns der nächste Anstieg. “Nur noch ein Kamm!”, ruft Micha mir noch zu, als ich aus der Ferne 10 weitere Kämme erblicke, die es noch zu überqueren gilt.
Ankunft Dem körperlichen Exitus nahe keimt urplötzlich Hoffnung auf, als weit entfernt ein Holzhüttchen als kleiner unscheinbarer Punkt in der Ewigkeit in unser Blickfeld tritt. Dass sich dieser Punkt noch einige Kilometer vor uns befindet, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner. Befähigt mit einem perfekten Orientierungssinn schaffen wir es, uns in der Ebene auf einem freien Feld mit freiem Blick auf unser Ziel zu verlaufen. Die Bergprofis sind unterwegs!

Nach gefühlten Jahren der Wanderung kommen wir am Ende dann doch an der zweiten Hütte an, aufgezehrt und verwundert, dass unsere Füße uns soweit trugen. Wir bestellen Spaghetti und Apfelstrudel, Salat und Kakao, Radler und Bier und konstatieren: Am Ende wird immer alles gut, nichtsahnend, dass uns eine zweite regnerische und eisige Nacht erwartet. Außer Fuad.

Author

Hinterlasse einen Kommentar

Be the First to Comment!

Notify of
avatar
wpDiscuz