In der frühsten Morgenstunde bimmelt das Telefon. Es bimmelt, es bimmelt, es bimmelt immer weiter. Letztendlich bemühe ich Muskeln, Sehnen und Gelenke dann doch, klicke, nein, wische (Smartphone ;)) mir einen ab und nach erfolgreicher Konnektivität schallt es mir entgegen: “Haste Zugriff?”

Stehaufmännchen Micha ist natürlich bereits wach. Immerhin redete er bereits seit Monaten von nichts anderem mehr. “Der Berg ruft!”, dröhnt es mir noch in den Ohren. Aber wahrscheinlich packt einen die Abenteuerlust erst so richtig, wenn einem die Haare ausfallen, man zuvor sein 30. Lebensjahr vollendet hat und sich soeben von einem Darmriss erholte. Da muss man wohl los, muss man raus aus dem Haus, hinaus in die Welt. Hoch auf den Berg und hinab in das Tal. Als 27-jähriger Bub kann ich das anscheinend noch nicht nachvollziehen. Nun, sei es drum. Ich antworte: “Na, klar bin ich wach!” Just fällt mir ein, ich hatte um pünktlichen Weckruf gebeten und der morgendliche Anruf war allem Anschein nach tatsächlich gerechtfertigt. Jedenfalls drehe ich mich wieder um, ein letztes Mal das weiche, wonnige, warme Bett umgarnen.

Es bimmelt erneut. Der andere Scharlatan gaukelt mir per WhatsApp-Nachricht allmorgendliche Freshness vor. Als Jungspund unserer Abenteurerrunde muss uns Fuad selbstredend als motivierendes und energiestrotzendes Beispiel vorangehen. Ich gebe die Ruhe also doch auf. Aufstehen, anziehen, Sachen aufrödeln und, ja, ab in die Berge. Die Alpen warten. Kämme wollen überquert, Panoramen genossen, steinige Klippen überwunden, Berghütten besucht und österreichische Weibsbilder in luftigen Höhen erobert werden. Dafür bin ich doch genau der Richtige. Kurz noch eine Stulle mit Wurst und Käs’ in den Wanst, ab vor die Tür in die sommerliche Kälte, wo mich der Glatzkopf bereits mit verheißungsvollem Lächeln auf die elfstündige Autofahrt aus dem Norden Deutschlands in das südlichere Österreich einstimmt. Na, dann mal los in die Alpen.

9.18 Uhr

FahrtDa sitz ich also nun auf dem Rücksitz eines Fiat Punto, der nicht nur sprichwörtlich aus dem letzten Loch pfeift. Die dringend benötigte Autoreparatur wurde kurzerhand auf “irgendwann, aber nicht jetzt” verschoben. Die Nächsten 2.000 Kilometer für die Hin- und Rückfahrt schaukelt der “Graue Pilger” gewiss noch. Immerhin geht es in die Berge. Da gibt es keine Ausreden. Frodo ist auch am Schicksalsberg angelangt…irgendwie. Der abgebrochene Zwerg schnarcht derweil auf dem Vordersitz und sollte die nächsten 9 Stunden nicht mehr aufwachen. Selbst als es “I’m a Scaaaatman” aus dem Radio schallt, rührt sich nichts. Nur Micha wippt und singt mit und hat für die eine oder andere schicke Blondine, die uns auf der Autobahn mit ihrem BMW überholt, den gewohnt coolen Blick parat – hier sind Kinder der Neunziger unterwegs! Und wir sind verdammt nochmal die Coolsten!

17.07 Uhr

Endlich überqueren wir die Grenze nach schier endloser Fahrt und landen in der hügeligen Donaumonarchie, äääh Republik. Das Hörbuch “Der Herr der Ringe – Die Gefährten”, das ich vor Reiseantritt ganz legal erworben hatte, konnte mir die Reisestrapazen nicht wirklich nehmen und munterte mich auch nicht mehr auf. Eingefercht in einem röhrenden Automobil, das sekündlich droht, in seine zerrosteten Einzelteile zu zerfallen, klart mein noch immer recht betrübter Blick urplötzlich auf: Die ersten territorialen Erhebungen türmen sich in nahezu greifbarerer Entfernung vor uns auf. Kurz bevor ich mich in hingebungsvoller Schwärmerei zu verlieren drohe, reißt mich eine mir unbekannte weibliche Stimme kreischend aus aller Träumerei. Micha hatte soeben seiner Aufregung freien akustischen Lauf gelassen.
Ankunft
Diese recht unmännliche Emotionsäußerung findet ihre Berechtigung dann aber doch. Vor uns ergießen sich bunte Tropfen der sonnenbeschienenen Naturbelassenheit in ein Meer gewaltsamer Gesteinsformationen, die wir, die Abenteurer, schon bald erklimmen werden. Die Fahrt findet nun ebenfalls ihr Ende und wir erreichen die volkstümliche, typisch österreichische Ortschaft mit ihren einladenden gastronomischen Betrieben und Hotelanlagen – schade nur, dass wir in naher Zukunft nicht allzu viel davon genießen werden. Am Fuße des Berges halten wir und machen uns allesamt bereit auf das Abenteuer unseres Lebens – ja, im Ernst.
Etwas skeptisch blicke ich indes dennoch rein, als ich bemerke, dass unsere Ausrüstung sich von Mann zu Mann doch leicht unterscheidet. Selbstsicher präsentiere ich Rucksack, Plane, Funktionskleidung, ich bin bestens ausgerüstet. Fuad zeigt mir Spaten, Wasserkocher und diverses unnützes Gerödel, worunter ich einen Wasserkanister, den er über ein geflochtenes Seil am Rucksack befestigt, als mein persönliches Must-have für Gipfelstürmer auserkoren habe. Ich werde mein süffisantes und überhebliches Grinsen aber bald schon einbüßen.

18.44 Uhr

Siegesgewiss und trittsicherKraxelbereit und ausgerüstet geht es also los. Nur leider finden wir den Berg nicht. Soll heißen: Wo verdammt nochmal ist der Weg? Glücklicherweise entdecken wir im Örtchen einen ortskundigen Mann, der seinen Hund ausführt und der rein zufällig des Bürgermeisters “best friend” ist, wie er selbst bekundet. Als erfahrener Wandersmann weist er uns, wie es unter Wandersleuten gang und gäbe ist, den Weg, obgleich der starke österreichische Akzent uns allen unverständliche Rätsel aufgibt. Auf unsere Nachfrage, ob unser “Graue Pilger” überhaupt acht Tage einsam und verlassen auf dem Hotelparkplatz stehen dürfe, beruhigt uns der nette Herr mit der Information, dass er auch bei der örtlichen Polente ein Stein im Brett habe und ein gutes Wort für uns einlegen werde. Nun, dann kann nun ja rein gar nichts mehr schiefgehen. Nun geht es endlich tatsächlich ab auf den Berg!

18.47 Uhr

Pause nach 2,5 Minuten. Erschöpft und völlig ausgelaugt stellen wir uns verwundert die Frage, ob unsere Bergkarte womöglich den leichten Wanderweg mit dem schweren Bergweg verwechselt haben könnte. Als erfahrene und durchtrainierte Sportsmänner und ebenso erfahrene Bergsteiger können wir einen derartigen Anstieg selbstverständlich nicht unterschätzt haben. Jedenfalls: Einen gemütlichen Berpfad wollten wir beschreiten. Schnell hinauf auf das kleinste aller bevorstehenden Hügelchen, das Zelt aufschlagen und am nächsten Morgen frischen Mutes durchstarten in windige Höhen und spöttisch auf die Welt hinabblicken. Dass bereits der erste und gar nicht allzu steile Anstieg zu einer nahezu unüberwindbaren physischen Herausforderung würde, nun, das würde keiner von uns je zugeben. Belohnt werden wir unseres Weges dafür mit einem unbeschreiblichen Panorama, nein, mit Panoramen, die sich 360 Grad um uns herum in majästetischer Erhabenheit verklären. Deswegen wollten wir hier her. Denn hier ist man Mensch, hier darf man’s sein.
Erstes Panorama

20.15Uhr

Zu dritt geht es dann immer steiler den Berg hinauf. Wir überqueren grüne Wiesen, sumpfartige Landschaften und sandige Klippen. Plötzlich erblickt Fuad während unserer vierten Pause einen Vorsprung. Beseelt von Erkundungsdrang, furchtlos und mutig, erobert der Tollkühne den felsigen Vorhang und erforscht den dunklen Höhleneingang mit rostiger Axt und Taschenlampe. Sekündlich erwarten wir einen bestialischen Kampf zwischen Mensch und Tier, Homo sapiens und Ursus arctos, doch nichts geschieht. Nichts von alledem. Welch eine Enttäuschung.Felsvorsprung
Nur einige Sekunden später erblicken wir überrascht und erschrocken eine suspekte Schafherde sowie einen Hund. Der Anführer der tierischen Gang, ein Hirte, beruhigt uns jedoch mit einigen warmen Worten und wir setzen unsere Reise fort hoch und immer höher hinauf, als die Sonne allmählich hinter den Berggipfeln hinabsinkt.

Endlich erscheint die Berghütte vor unseren Augen. Meine Freude über das Erreichen unseres ersten kleinen Etappenziels möchte ich mit meinen Kameraden teilen, die derweil weit zurückgefallen sind – der Berg kennt keine Gnade, und schon gar nicht mit den Schwachen. Meine übermotivierte Kraxel-Art sollte mir allerdings schon bald zum Nachteil geraten…
Nun, oben endlich gemeinsam angekommen und wiedervereint, treffen wir auf andere Wandergesellen. Familien, die es sich in der Hütte mit Baumwolldecke, Kerzenschein und warmer Schokolade gemütlich machen, Kinder, denen der steile Aufstieg allem Anschein nach nicht das Geringste ausmachte. Auf die Frage nach Speis’ und Trank begegnet uns der Wirt überraschend mit kühler Strenge. Wir sind zu spät, viel zu spät. Kein Platz, keine Stärkung gibt es für die drei Gefährten.
Micha und BierNur einer bewahrt in dieser schier aussichtslosen Situation seine stürmische Ruhe. Nur er, nur der Michael, als er sich ein kühles blondes Bier schnappt und im orangenen Himmelszelt mit beherzten Schwung die Flasche köpft – Prost!

20.49 Uhr

Nichtsdestotrotz benötigen wir ja noch immer eine Unterkunft! “Auf, auf, trottet euch!”, denken wir uns, den höchsten Punkt erklimmen und erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, was das hügelige Gelände zu bieten hat. Bear Grylls hätte es auch nicht anders gemacht.
Direkt am Hang erforscht unser geschultes Elbenauge ein geeignetes Plätzchen inmitten von Gesteinen, Pferdekot und anderem tierischen Unrat. Genau das richtige für uns Hartgesottene. Während sich Fuad in Sekundenschnelle in sein High-End-Zelt windet und jeglicher Kommunikation entsagt, bemühen Micha und ich uns um den Aufbau unseres Tarp. Wer benötigt schon ein Zelt?!

Hier sei angemerkt, dass wir uns in penibler Planung über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis in das kleinste Detail in die Facetten und Kniffe des Auf- und Abbaus des Tarp-tums eingearbeitet haben. Offener Raum, Zelt-Stil, Dreifach-Dach, windgeschützt, wir hatten so ziemlich alle Bauformen probiert und einstudiert in bebäumten Wäldern. Ran an das Werk also. Nur eines haben wir anscheinend vergessen: Bäume, nun, die gibt es nicht auf dem Berge. Da stehen wir also. Wir Trottel.

Aber schutzlos bei nahenden Minusgraden in den Bergen nächtigen? “Pah, was solls!”, muntern wir uns gegenseitig auf, als es dann urplötzlich beginnt zu regnen. Aber dies ist nichts als eine unwesentliche, kaum spürbare Herausforderung, eher eine gern angenommene Erfrischung für die Unerschütterlichen. Wir bauen uns ein doppelseitiges Konstrukt, das aus einigen Steinen und brüchigen Stöckern zusammengehalten wird und bereits bei der kleinsten Windböe in sich zusammenzufallen droht. Jetzt heißt es nur noch: Hinlegen und üb-erleben! Als ich allmählich in die Tiefen des Traumes hinüberschwinde, da ist mir nicht bewusst, dass ich direkt am nächsten Morgen eine der schlimmsten Begegnungen meines Lebens machen sollte. Mit einer monströsen Bestie. Und ich selbst war es, der sie erwecken sollte…

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