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Rom

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Hallo, liebe Leser und Angehörige, bevor ich euch von unserem Trip nach Rom berichte, möchte ich vorab erwähnen, dass es dieses Mal keine Artikelserie geben wird. Stattdessen möchte ich nur vom letzten Tag unserer Reise berichten. Denn begleitet wurde ich natürlich wieder vom glatzköpfigen Michael, der auch in diesem Fall für das eine oder andere “Missgeschick” sorgen sollte. Aber lest selbst, es wird sich lohnen.
Triumphbogen
Unsere Reise in das alte Weltreich nach Italien hatten wir selbstverständlich wie immer ausgiebig geplant. Bereits im Reisebüro machten wir einen gut informierten Eindruck. Als uns die hilfbereitse Reisekauffrau merkwürdig anschaute und fragte, ob wir tatsächlich in der Osterzeit nach Rom reisen möchten, schauten Michael und ich uns verdutzt an. “Na, klar, oder ist Ostern zu?”, antworteten wir und schüttelten verständnislos den Kopf.

Jedenfalls: Zwei Tage vor Karfreitag gebucht, ein Tag vorher im prächtigen Rom gelandet. Ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt. Dies sollte mir aber nachhaltig klar werden, als wir direkt vor dem Petersdom unsere erste Runde drehten. Rom, Katholiken, Ostern, da war doch etwas? Nunja, rundum informiert und welterfahren sind wird eben waschechte Globetrotter mit dem Hang zu irrsinnigen Odysseen.

Natürlich machten wir uns in den ersten Tagen direkt auf den Weg, die historisch wertvollen Stätten zu besichtigen. ColosseumVatikan und Petersdom, Sixtinische Kapelle, Pantheon, Forum Romanum, wir ließen uns selbstredend nicht lumpen, waren angesichts der jüngsten Terroranschläge aber nicht ganz sicher, ob wir uns tatsächlich mit gewohnt norddeutscher Ruhe durch die Menschenmengen bewegen sollten, die einen christlichen Feiertag begehen. Und genau dies führt mich zur eigentlichen Geschichte, direkt zum vorletzten Tag unserer Reise.

An diesem drängte mich Micha nämlich, wie gewohnt, zu einer allerletzten Sause in den verwinkelten römischen Gassen. Kurzerhand klapperten wir die einladenden Bars ab und genehmigten uns erst einmal auf der Piazza Navona drei Flaschen Wein, schauten Clowns dabei zu, wie sie böse dreinblickende Russen übel mitspielten, Musikern, wie sie die romantische Kulisse des Kulturzentrum Italiens mit den wohlig-warmen Klängen eines Streicharguments zu einem wohlklingenden Stakkato pointierten, und Kartenspielern und Malern bei ihren zauberhaften Tricksereien und van-Gogh’schen Pinselführungen – herrlich!

Doch dann sollte der Abend so richtig in Fahrt kommen. Und wenn ich Abend sage, dann meine ich selbstverständlich Michael. Zuerst verirrten wir uns in eine kleine Seitenbar, in der wir uns direkt zu Anfang einen bis zehn Cocktails genehmigten. Natürlich kamen wir auch nicht umher, die eine oder andere “infinita bellezza” am Nachbartisch zu erblicken. Da Profigrabscher Micha unterdessen all seine Hemmungen – wie so oft – verloren hatte, scheute er sich natürlich nicht, den jungen Damen neben uns in einem Mix aus Deutsch, Polnisch, Italienisch und Zeichensprache zu entlocken, wo die beiden Wüteriche in Rom nochmals tierisch einen aufs Parkett schwingen könnten.
engelsburg
“Di fronte a tanta bellezza c’è da strabiliare”, hörte ich Micha mit seinem charmantesten Lächeln den Damen zuzwitschern. Der klassische Daumen gab mir derweil kund, dass er wie immer alles im Griff hatte. 36 Cocktails später machten wir uns dann endlich auf, das römische Nachtleben etwas intensiver kennenzulernen. Vorbei an der mondlichtbeschienenen Engelsburg tappten wir durch das europäische Kulturzentrum, als ich mich nach rechts umdrehte und bemerkte: “Moment, hier fehlt doch jemand?!” Tatsächlich war Michael verschwunden. Was nun?

Sollte ich rufen? Vielleicht Passanten nach einem glatzköpfigen und betrunkenen Taugenichts fragen? Hilft mir womöglich die römische Polizei weiter? Ein Handyanruf? Könnte der Hilfe bringen? Ich kann meinen Kumpanen doch nicht alleine lassen! Jedenfalls war ich mir meiner Verantwortung natürlich bewusst, einen stark alkoholisierten Freund nicht alleine einer fremden Stadt überlassen zu können, fernab des Hotels auch noch, wenn Bus und Metro schon längst nicht mehr fahren. Während ich all dies dachte, betrat ich zu meiner eigenen Überraschung das Hotel und legte mich ruhigen Gewissens schlafen…. obwohl mir war, als hätte ich irgendetwas..oder jemanden… vergessen. Nun gut, ich stellte mir den Wecker – wir mussten nächsten Tag um 9 Uhr in Richtung Flughafen abreisen – und schlief zufrieden ein.

7 Uhr und es hämmert an meine Hoteltür. “Huch, Zimmerservice? Na, der kriegt aber etwas von mir zu hören!”, denke ich in mich hinein. Ich erhebe mich aus dem Bett und öffne die Türe. Zu meiner – geringen – Verwunderung sehe ich Michael vor mir stehen. Seine ersten Worte: “Patrick, es tut mir wahnsinnig leid, aber ich brauche all dein Geld!” Derweil dröhnt mir eine Alkoholfahne entgegen, die sich sozusagen nicht gewaschen hatte. “Wo kommst du Sack denn her?”, frage ich ihn. “”Hääääää, vom Feiern natürlich, denk’ doch erstmal nach, bevor du mir solch eine dumme Frage stellst!”, schallt es mir entgegen. “Und wozu benötigst du mein ganzes Geld?!”, entgegne ich. “Naja, ich hab mich mit dem Taxi herkutschieren lassen und hab nichts mehr..”, bekomme ich als alles klärende Antwort. Ich gab ihm also all mein Geld und legte mich wieder schlafen, während ich noch hinterher rufe: “Denk dran, dass wir in 2 Stunden auschecken müssen!” Ich höre ein gestammeltes: “..Fresse…blö..Wichser…sons…bafftet!”

Um 8.50 Uhr verließ ich guten Mutes mein Zimmer und konnte ein wenig Schwermut nicht verbergen. Ich gab meinen Schlüssel an der Rezeption ab, freute mich über die 40 Euro Touristensteuer, die ich gerade noch mit Klimpergeld aus meiner Jacke zusammenkratzen konnte, und wartete auf den verkaterten Michael, der ein Zimmer im ersten Stock bewohnte. Gut eine Stunde später wurde ich dann doch stutzig, da der gute Herr nicht auftauchte. Also machte ich mich auf dem Weg zu seinem Zimmer, klopfte an und war erstaunt, als die Tür sich langsam aufbewegte. “Ey, du Honk, du hast deine Zimmertür nicht zugemacht, wir müssen los!”, brülle ich hinein und sehe Hosen, Hemden, Gerödel und einen Toten im Zimmer liegen. “Alter, das kann doch nicht dein Ernst sein, man, wir müssen los, wir verpassen den beschissenen Flug, man, los da!”, schreie ich und höre folgendes Genuschel: “Mmmh, nur noch 30 Minuten, Mutter!…”

Schäumend vor Wut schmiss ich sodann mit diversem Krimskrams nach meinem treuen Begleiter, auf den – wieder einmal – so gar kein Verlass gewesen ist. Zu meinem großen Erstaunen bemüht sich der noch leicht angetrunkene Michael dann doch aus dem Bettchen, packt seine sieben Sachen und wir verlassen eine der schönsten Städte der Welt mit einem Kater und nicht mehr ganz so guter Laune gen Heimat… So zumindest hätte ich es mir gewünscht, dass es kommt. Doch urplötzlich stehen wir vor einem ganz anderen Problem. Denn den 33 Kilometer entfernten Flughafen Rom Fiumicino erreichen wir ja wohl kaum zu Fuß. Und das letzte Geld, das uns das Ticket lösen sollte, nun, das hatte mein wachsamer Weggefährte natürlich am letzten Abend versoffen – bzw. ich habe dies seinem Taxifahrer gegeben.

“Alter, wo warst du, was hast du gemacht, wo ist all unser Geld, wie kommen wir nach Hause und… ALTER!!”, brülle ich wortgewaltig in seine Richtung, als wir auf unseren Koffern verzweifelt inmitten von Rom sitzen. “Hää, was weiß ich denn? Bin irgendwie mit zwei Schwulen durch die Gegend gezogen, die haben mich aber eingeladen. Aber ich wusste ja nicht, dass die schwul sind, bis mir der eine andauernd an den Arsch gegrabscht hat!”, bekomme ich als Antwort. “Was haben denn die Schwulen aus Rom mit unserem Geldproblem zu tun?! Die Frage ist, was DU dir gedacht hast!” antworte ich in der Hoffnung, dass Micha endlich erkennt, wo das Problem derzeit liegt. “Keine Sorge, Patrick, nachdem sie mich angefasst hatten, bin ich sofort geflüchtet.”, so seine gewohnt souveräne Antwort, die er mit einem verschmitzten Blick zu unterstreichen versucht.

“Naja, und dann bin ich irgendwie zum Nationalmuseum geflüchtet, über den Bauzaun geklettert und eingebrochen. Dann sah ich auf einmal diese Riesen-Zeusstatue. Da bin ich dann natürlich hochgeklettert und auf dem Riesen-Pegasus geritten, bis urplötzlich Scheinwerfer auf mich gerichtet wurden. Dann kamen Soldaten mit Maschinengewehren, die mir irgendwas auf Italienisch zugerufen haben. Bin dann halt irgendwie runter und die haben mich doch recht rabiat angepackt. Dabei meinte ich, dass ich auch durchaus alleine herunterkomme und auch alleine gehen kann, bin wieder ins Taxi und weg. Man man, nur weil ich aussehe wie ein Terrorist und gerade überall Anschläge waren, müssen die ja nicht so ausrasten, wenn ich ins Nationalmuseum einbreche!”

Fassungslos starre ich auf meinen Wegbegleiter und spiele stark mit dem Gedanken, den Jungen ganz einfach am Straßenrand zu parken und alleine zu verschwinden. Doch auch ich habe natürlich kein Geld, bis mir eine Idee kommt: Michaels luxuriöse 500-Euro-Uhr – ab auf den Schwarzmarkt! Doch ich hatte nicht mit den ungeahnten Kräften eines betrunkenen Mannes gerechnet, der versucht, seine Armbanduhr vor einem verzweifelten Mann mit Heimweh zu beschützen. Doch wenn man einmal nicht weiter weiß, dann hilft bekanntlich der Zufall weiter und nach wenigen Minuten hatten wir dann doch 6,49 Euro Klimpergeld für die Zugfahrt beisammen – na herrlich!

Endlich auf dem römischen Flughafen angekommen versuchten wir händeringend, an Geld zu gelangen. Denn bekanntermaßen mangelt es dem Körper nach einem Saufgelage an Flüssigkeit und Elektrolyten. Nachdem wir uns wie das jüdische Volk nach 40 Jahren Wüstenlauf fühlten und fast schon mit dem Gedanken spielten, am Kiosk eine 19-Cent-Wasserflasche zu stehlen, fanden wir endlich einen Geldautomaten, an dem ich glücklicherweise Geld abheben konnte. Jetzt waren wir endlich wieder vorne!

Doch das nächste schicksalsträchtige Ereignis sollte nicht lange auf sich warten lassen: Denn unser Flug über Brüssel wurde leider verschoben. Wer sich erinnert: Der Terrorismus hatte erst vor kurzem zu einem Bum-Bum der heftigeren Sorte geladen und war der festen Überzeugung, Menschen aus dem überwiegend christlichen Abendland mit einer Explosion zum islamischen Glauben zu bekehren. Überraschenderweise half dies nicht ganz so fiel, wie es beispielsweise eine Einladung zu Kaffee und Kuchen womöglich getan hätte, und nun saßen wir fest mit 7-stündiger Wartezeit am römischen Flughafen. Na, danke.

Gefühlte 20 Stunden später hatten wir es allerdings geschafft: Endlich durften wir wieder deutschen Boden betreten, waren aber in unserem T-Shirt und mit kurzer Hose angezogen überrascht über das nass-kühle Wetter in Deutschland, das den besonders eindringlichen Kontrast zum maritimen römischen Mittelmeer-Flair ausmacht. Schnurstracks machten wir uns auf dem Weg zum Auto, das wir besonders intelligenten jungen Männer natürlich nicht für teures Geld auf dem Flughafenparkplatz, sondern gekonnt in einer nahen Wohnsiedlung parkten. Nur leider war dies nicht gestattet – und das Auto war natürlich weg. Zwei zwielichtige Gestalten wiesen uns, die wir wild umherirrend nach unserem Auto suchten, schmunzelnd darauf hin, dass unser Auto gewiss abgeschleppt wurde. Dies passiere hier angeblich öfters.

Mitten im Regen mit sommerlicher Kleidung inmitten von Hamburg stehend – um 1.49 Uhr nachts natürlich – riefen wir also die Polizei an: “Ey, Mann, wo ist mein Auto?!” Die freundliche Polente wies uns glücklicherweise den Weg. Sechs Kilometer mussten wir laufen – dehydriert, frierend, hungrig, müde. Am Ende aber alles egal, Hauptsache zu Hause, wenn auch krank für die nächsten zwei Wochen und urlaubsreif.