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Patrick

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Letztens ist mir ja wieder einmal etwas passiert. Ich torkel halbbetrunken durch Rom und urplötzlich fahren weder Bahn noch Bus, es war ganz einfach zu spät. Zwar habe ich mir im Zuge meines Geschichtsstudiums fest vorgenommen, Italienisch zu lernen, bis dahin konnte ich aber nicht viel sagen außer Pasta und Cappuccino. Hätte ich damals bereits gewusst, dass es – wie könnte es anders sein – digitale Sprachführer als App auf dem Smartphone gibt, hätte mir dies womöglich geholfen. Deswegen habe ich mir einmal die Mühe gemacht, einige Sprachführer-Apps für das Smartphone etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Viele reiselustige Freunde von mir nutzen Instagram, um Freunde, Bekannte und solche, die es noch werden wollen, auf dem Laufenden zu halten, was auf ihren Reisen so los ist. Nur leider bietet die Facebook-App nur einen begrenzten Funktionsumfang an. Nun ist mir eine neue App ins Auge gefallen, die deutlich mehr Vielfalt gewährleisten soll. Ihr Name ist “journi”, vermutlich eine sprachliche Abwandlung von “Journey”. Ich stelle euch diese App in diesem kurzen Artikel vor.

Und da waren wir auch schon wieder – im südlichsten Süden, den man sich nur vorstellen kann, wenn man hoch im Norden wohnt – ääähm, ja.. Die Gipfelstürmer wieder einmal unterwegs und dieses Mal sollten wir unserem selbsterwählten Namen wahrlich alle Ehre machen. Denn im Sommer trieb es uns dort hinauf, wo vor uns nur wenige gewesen sind: auf den Wilden Kaiser. Wer es noch nicht weiß: Beim Kaisergebirge in Österreich handelt es sich um eine Gebirgsgruppe in den Ostalpen, jaja, nahe der deutsch-österreichischen Grenze. Und wild ist auch das entscheidende Stichwort zur Charakterisierung unserer tollkühnen Reise.

Heute wird aber ein ganz ganz besonderer Tag, denn am heutigen Mittwoch geht es in das Kafka-Museum. Und da ich nach unruhigen Träumen in der Nacht diesen Morgen im Bett erwachte und mich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt vorfand, fühlte ich mich bestens gewappnet für die eine oder andere surreale Geschichtsstunde. Also, auf geht es!

Natürlich möchte ich an dieser Stelle nicht auf die einzelnen Besonderheiten der Biographie Franz Kafkas eingehen, denen wir im Museum buchstäblich Schritt für Schritt folgen konnten. Leser eines derartig seriösen Blogs wie dem meinen wissen selbstredend über derartige literaturhistorische Fakten Bescheid. Stattdessen möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie wir längst Totgeglaubte wieder zum Leben erwecken.

Vielleicht mag es auch ein unbewusster Drogenrausch gewesen sein, ich meine aber, Milena Jesenská leibhaftig vor mit gesehen zu haben. Schaut selbst!
Milena Jesenská
Nicht ganz sicher ob meiner geistigen Gesundheit laufe ich also aus dem Museum heraus, schwinge mich über das nahestehende Geländer und lasse mich hinabfallen – ein gerechtes Urteil, wie ich finde. Glücklicherweise erhole ich mich schnell von diesem Sturz und Micha und ich entscheiden uns, Prag weiter zu erkunden, werden aber noch von einem wahrlich majestätischem Kunstwerk aufgehalten, das mich irgendwie an ein Lied von R.Kelly erinnert.
Böhmen vs. Mähren Und hier das passende Lied dazu!

Wie ein böhmischer König

Wir stolpern auf die Karlsbrücke zu und fühlen uns direkt wie böhmische Könige. Dies mag auch daran liegen , dass wir de facto allein über die Brücke gehen – abgesehen von den 5 Millionen andere Touristen, die urplötzlich in Prag aufgetaucht sind – aber erstmal wir, warum denn ihr? Jedenfalls genehmigt uns die Goldene Stadt einmal wieder einen Ausblick, der uns Königen würdig erscheint.
Karlsbrücke
Besonders fallen mir die Statuen ins Auge, die uns Adelsgeschlechtern ein angemessenes Geleit darbieten, das obendrein noch von dem Akkompagnement der Brückenmusiker akustisch untermalt wird. Wie von magischer Hand berührt zieht es mich zur nahestehenden Droschke, die von einem Fusaichi Pegasus gezogen wird. Dem Kutscher einige Liberty-Dollar zuwerfend steige ich ein und befehlige: “Kutscher, fahr mal 100!”

Doch schon reißt es mich aus meinem Traume und ich finde mich in einem dubiosen Prager Hinterviertel wieder, wo es originalgetreue Hitlermasken zu kaufen gibt. In Tschechien kommt Humor halt stets von rechts. Wenig zum Scherzen aufgelegt biegen wir gestrengen Norddeutschen nach links ab: Zeit, etwas zu essen!

Das ist aber lecker!

Heute beschließen wir, tatsächlich einmal traditionell zu essen und besuchen ein tschechisches Restaurant. Auf der Karte bestaunen wir allerlei bunt zusammengewürfelte Köstlichkeiten wie Rinderzungen mit Knödel oder Schweinshaxe mit extra Fettschichten und Knorpel. Ja, hier wird es uns gut gehen.

Micha entscheidet sich für den Käseteller: Französischer fetter Weißschimmelkäse gebacken in heißem Fett. Mmmh, das Tschechisch essenist lecker und gesund. Dazu gibt es noch trockene Erdäpfel. Man, man, hier kann man aber exquisit speisen. Vorzüglich!

Gestärkt entscheiden wir uns, erst einmal zurück in das Hotel zu gehen und die eine oder andere Minute zu rasten. Wie immer führe ich uns mit verlässlichem Orientierungssinn in die falsche Richtung: Im Norden geht die Sonne auf, Süd-Südost nimmt sie ihren Lauf, fernab aller Wege wird sie untergehen und in Prag ist sie nie zu sehen!

Squirtles are the best!

Vor dem Gang auf das Hotelzimmer und der melancholischen Stimmung, da sich das Ende unserer Reise naht, greifen wir im naheliegenden asiatichen Klimbimladen nochmal ordentlich zu und decken uns mit ausreichend Süßstoff für die eine oder andere Online-Partie ein.

Aufgeregt entdecken wir Skittles, die wir kurzerhand zu Squirtles umtaufen, weil man erst mit der richtigen Fingertechnik in der kleinen Packung an die goldene Frucht gelangt. Wer nun nicht mehr folgen kann, dem sei ein beruhigendes “Glückwunsch” zugesprochen. Glaubt mir.

Micha, die Saufnase, entschließt sich, dass ihm zwei bis fünf Liter Bier ebenfalls gut zu Gesicht stünden. Denn was für Popeye der Spinat, für den deutschen die Kartoffel ist bekanntlich für den Polen das Bier. Wahre Wunderwerke sollte es nämlich von meinem Kumpanen aus dem Ostblock tatsächlich noch zu bestaunen geben. Doch Schritt für Schritt.

Michael, der Nöterich

Wie der Zufall so will, haben wir das Glück, dass am heutigen Tag Champions League läuft. Und wo könnte man dies in Tschechien stilsicherer schauen als in einem Irish Pub? Nirgends natürlich. Also machen wir uns auf den Weg und steuern direkt inmitten des etwas moderneren Prager Viertels auf eine irische Prager Kneipe zu.

Dort werden wir direkt von einer jungen Dame auf einen Platz verwiesen, von dem aus wir das Bayernspiel sehen können. Am Nebentisch begröhlen uns deutschstämmige Kollegen, die, nachdem sie hören, wir würden auf einen Bayernsieg hoffen, direkt mit physischen Drohgebärden agieren. Sei es drum.

Am Nebentisch ist es auch ganz schön, bis sich drei junge Burschen zu uns gesellen, die sich im fließenden Isländisch, Englisch, Holländisch, Mandarin, Tuyuca und Estnisch verständigen. Als wir von ihnen flappsige Sprüche ernten, damit sie mit uns ins Gespräch kommen können, antworten wir mit gewohnt textsicherer Schlagfertigkeit: “No.”

Kurzerhand haben wir auch diesen Tisch zurückerobert und ich kann mich endlich ganz in Ruhe um meinen Long Island Ice Tea und das Fußballspiel sorgen. Micha, der Nöterich, mittlerweile beim achten alkoholischen Getränk angekommen, verweist auf die doch recht knapp bekleidete Bedienstete und meint, er müsse nur noch zehn weitere Cuba Libre zu sich nehmen, dann würde er mir aber einmal zeigen, wie man auch ohne Sprachkenntnisse eine Frau aufreißt.

Wissen: Was ist eigentlich ein Nöterich?
“Nöterich leitet sich von der umstrittenen Wucherpflanze, dem Knöterich, ab. Der Knöterich ist jedoch sehr robust und aufgrund seiner Wuchskraft für Spezialfälle geeignet, z. B. für große Flächen und “Schnell-Begrünungen”. Übertragen auf den menschlichen Nöterich ist folglich ein Schwerenöter gemeint, der besonders für seine blitz- und überfallartigen Schnellbegattungen bekannt ist.”

Nachdem ich noch einige wilde Wortfetzen wie “…Arsch kneten…” und “…Brüste begatten..” vernehme und mich wieder dem Spiel zuwende, treten einige sympathische junge und angetrunkene Männer mit Kurzhaarschnitt und Pullovern und Shirts, auf denen der einladende Schriftzug “Krawallbrüder” zu lesen ist, in die Bar. Kurzerhand beschließen wir, Reißaus zu nehmen und ziehen vondannen in Richtung Hotel. Dies war wahrlich ein gelungener Urlaub, wie er schöner nicht hätte sein können!

Wuhu! Die Nacht ist überstanden und freudig erwache ich mit übelsten Halsschmerzen inmitten der sicheren Prager Innenstadt. Selbst das sekündliche Sirenengeheul der Polizei bei Nacht konnte mir meinen geruhsamen Schlaf und die Illusion von Sicherheit nicht nehmen. Punkt sieben Uhr schreibe ich der Bumskanone Michael, dass es zeitet. Prag will erkundet werden!

Wir treffen beim Hotelfrühstück aufeinander und begutachten uns mit skeptischer Miene. Während ich mit Sack und Pack auf Schnee- bis Sonnen- und Sandstürme vorbereitet bin, überrascht Michael mit einem luftig-lockeren Kurzarmshirt und beweist direkt zu Anfang des Trips, was er vom romantischen Herbstwetter in der tschechischen Hauptstadt so hält.

Beim morgendlichen Schlemmen fällt mir insbesondere die asiatisch geprägte Personenlandschaft auf. Straßenbahn in PragAm Tisch nebenan wühlt ein Asiate in Eierschalen herum und baut sich einen Turm aus Gurken. “Andere Länder, andere Sitten” denke ich mir und stopfe mir zentnerweise Pute und Schinken in den Wanst. So etwas nenne ich deutsche Esskultur!

Als es losgeht, steuern wir direkt auf die Haltestelle der Straßenbahn zu. Mit der 15 fahren wir in Richtung Prager Altstadt. Ausgestattet mit einem “Fahrschein für Senioren” geht es für uns erfahrene Touristen mit Blick für die besonders preisgünstigen Transportoptionen in die bis zum Überlaufen gefüllte Straßenbahn, in der ich neben einer 15-Jährigen mit starker Beinbehaarung ausharre.

“Můžu se podívat?”, frage ich sie. Antwort erhalte ich nicht. Sei es drum. Es folgt ein kurzer Abstecher in die Café Bar, in der ich etwas lange auf meinen Cappuccino warten muss. Nach Erhalt beruhigt mich Micha beiläufig mit dem Ausspruch “Meine Latte kommt auch”. In Deckung springend visiere ich unser erstes Ziel an: die Prager Burg!

Auf Leben und Tod

Endlich angekommen peilen wir gewohnt zielstrebig den höchsten Punkt unserer Route an und verschaffen uns erst Prag von obeneinmal einen Überlick. Tatsächlich hält Prag eine erstaunlich imposante Impression bereit. Doch kommen wir zu dem wahrlich Wichtigen: dem Alkohol.

Denn nachdem wir uns ausgiebig mit dem größten zusammenhängendem Burgareal der Welt beschäftigt haben, auf den Spuren der alten böhmichen Herzöge und Könige wanderten, den Zweiten Prager Fenstersturz imitierten und auf den Ausbruch eines neuen 30-jährigen Konfessionskriegs warteten, aber nichts passierte, ziehen wir gelangweilt Weingartenvondannen und genehmigen uns erst einmal einen Glühwein im Weingarten.

Nach getaner Arbeit geht es direkt weiter in das “Goldene Gässchen”. Voller Spannung erwarte ich den “Lapis philosophorum” zu finden, der mich endlich auf die transzendente Stufe eines höheren Ichs katapultieren und Micha einige seiner besten Jahre zurückschenken soll – er ist schon 32 Jahre alt. Zudem soll der Stein der Weisen bekanntermaßen Disharmonien läutern, eine Eigenschaft, die sich angesichts einer zunehmenden zwischenmenschlichen Spannung unter den beiden Wanderern als besonders positiv herausstellen dürfte.

Rüstungen und SchwerterDoch er ward nicht gefunden und so ziehen wir weiter durch die Winkelgasse, bis wir etwas deutlich Effizienteres finden sollen, um die Spannung abzubauen: alte Ritterrüstungen, Folterwerkzeug, Schwerter und Hellebarden. Dass wir nicht lange zögern und uns direkt einen Kampf bis auf das Blut liefern, muss ich an dieser Stelle wohl kaum erwähnen.

Nachdem ich mich für Dreizack und Fischnetz entschied, greift mein Kontrahent zu Kurzschwert und Schild. SackuhrNach stundenlangen Drohgebärden sind wir indes völlig erschöpft und vertagen unseren Kampf. Ein Blick auf meine Sackuhr verrät mit unterdessen, dass es nun Zeit für ein klassisches Konzert sei!

Beethoven, Drehorgeln und Penisse

Nach dem Verlassen der Alchimistengosse und auf dem Weg in die gehobenen Viertel der Prager Kulturlandschaft werden wir erneut Zeuge einer kulturellen Begegnung der etwas anderen Art.

Auf einem hell erleuchteten Platz inmitten eines Wochentages reihen sich mittvierziger Damen mit asiatischem Background auf, um einer Statue nacheinander und mit sicherem Griff an den güldenen Penis zu fassen. Nicht ganz sicher ob der Geschehnisse apparieren wir schnurstracks. Ihr glaubt uns nicht? Seht selbst!


Als wir im Prager Konzertsaal eintreffen und Micha mir erst einmal zeigt, wie man auf einer Miniatur-Drehorgel zu spielen hat und mir deutlich macht, dass die Fähigkeit, den korrekten Dreh-Rhythmus anzusetzen, im Vergleich zu meinen lächerlichen Klimperfähigkeiten auf dem Klavier wohl deutlich mehr musisches Talent einfordert, freuen wir uns auf Piano, Geige und das hölzerne Querblasinstrument.
Konzertsaal PragSchwermütig delektieren und laben wir uns an den Klängen von Beethoven bis Charpentier, Smetana bis Vivaldi und verlassen das musikalische Paradies nur widerspenstig, um uns analog zu den akustischen Feinheiten mit fettigen Burgern und Pommes eine dekadente Wohltat der kulinarischen Art beizufügen. Guten Appetit!
Burger in Prag

Und es geht wieder los! Nach Jahrzehnten der Inaktivität in den Weiten des Internets melden sich die Gipfelstürmer zurück. Dieses Mal treibt es die bärtigen Wüteriche nach Prag, wo es bekanntlich recht kafkaesk zugehen soll, wie ich bereits früh bermerken sollte. Doch fangen wir dort an, wo gewöhnlich alles beginnt: am Anfang.

Gewissermaßen vom Schicksalsgott in eine Welt voller Ironie gestoßen, erwache ich morgens im Bett mit einem Kopfdröhnen, mit Halsschmerzen und einer verstopften Nase, dass ich nicht umherkomme, mich zu fragen, warum mich der körperliche Verfall just in dem Momente ereilt, da ich entschied, mich der so geschätzten privaten Zeit zu widmen. Gut, sei es drum. Nach dem Aufstehen und der der frisch gerösteten braunen Bohne am Morgen besuch ich den polnischen Pistenpirscher.

Dort erfahre ich, dieser hätte seit 24 Stunden nicht geschlafen, da er sein Beilager der letzten Nacht einer holden Maid angetragen hatte. Nun, gut Ding will Weile haben und den Coitus in einem Zeitrahmen von unter acht Stunden zu vollziehen befriedigt bekanntermaßen niemanden – wer benötigt schon Schlaf? Frisch und fröhlich gehen wir also kränkelnd und befriedigt und nichtsdestotrotz frohen Mutes ans Werk und setzen uns in das Auto: Auf geht es nach Prag!

Auf der Autobahn

Hier gibt es wahrlich nicht viel zu berichten. Oblgeich ich nicht umhinkomme, von einem gänzlich kurisoen Ereignis zu erzählen, welches sich folgendermaßen zutrug: Nach etwa zwei Kilometern auf der Autobahn gen Osten entscheidet sich der verantwortungsbewusste Michael sich einige Minuten der Ruhe zu genehmigen.

Er friemelt sich ein Kissen zurecht, weist mich mit dem Aufruf “Obacht, übernimm ‘mal kurz das Volant des Kraftfahrzeugs und umkurve sich regende wie auch immobile Hindernisse mit sicherem Lenkgeschick!” darauf hin, dass er für einen unbestimmten Zeitrahmen keine Verantwortung für etwaige Unfälle übernehme und schläft ein. Angesichts der vier Liter koffeinhaltiger Getränke, die der so verlässliche Anstandsmann innerhalb kürzester Zeit zu sich genommen hatte, bleibe ich doch etwas verdutzt zurück. Seht selbst!

Auf nach Prag im Auto
Alles unter Kontrolle!

Sicher angekommen

Die weitere Fahrt verläuft glücklicherweise ohne Vorkommnisse. Nachdem wir dubiose Örtlichkeiten durchquert hatten, in denen sich Baracke an Baracke, graue Industrie an graue Industrie reihte, fahren wir zentral auf unsere Destination inmitten der Goldenen Stadt zu, die aufgrund der merklich nebeligen Wetterlage aber doch eher an das triste Meckpomm erinnert.

Aber eine Stadt offenbart ihre inneren Werte dem offenen Herzen stets auf dem zweiten Blick. Auf dem Weg zum Hotel darf ich mich sodann selbst überzeugen, welch Lokalität mich hier erwarten dürfte: Drei Sekunden vor dem Hotel auf dem Parkplaztz stehend raunt mich ein sympathisch wirkender Mann mittleren Alters mit Drohgebärden an. Seiner taumelnden Gestalt entnehme ich, dass rascher und ausufernder Alkoholkonsum bis zum Verlust jeglicher Beherrschtheit demnach Usus in der tschechischen Republik sei. Dankend für die Exhibition gehen wir uns erst einmal Bier kaufen.

Wir lernen Prag etwas näher kennen

Im Hotel breiten wir unsere sieben Sachen aus und schmieden Pläne, wie der erste intensive Abend in einer der meistbereisten und kulturträchtigsten Städte Europas zu gestalten sei. Ab zur Prager Burg? Womöglich hält die Karlsbrücke im herbstlichen Sonnenuntergang den einen oder anderen netten Ausblick bereit, der zum Vergessen seiner Alltagssorgen einlädt? Andernfalls dürfte sich auch ein Rundgang durch die Prager Kneipenlandschaft für trinkfeste Spießgesellen als lohnenswert herausstellen!

Zocken im Prager Hotel
Zocken in Prag

Kurzum: Nach wenigen Minuten lasse ich meinem Zimmernachbarn, der direkt nebenan einquartiert ist, über das hoteleigene WLAN-Netzwerk mitteilen, dass eine durchweg verlässliche Internetbandbreite nutzbar sei. Schnell schließen wir unsere Laptops an und zocken erst einmal tierisch einen los! So schön kann Prag sein! Was der nächste Tag wohl bringen mag?

Hallo, liebe Leser und Angehörige, bevor ich euch von unserem Trip nach Rom berichte, möchte ich vorab erwähnen, dass es dieses Mal keine Artikelserie geben wird. Stattdessen möchte ich nur vom letzten Tag unserer Reise berichten. Denn begleitet wurde ich natürlich wieder vom glatzköpfigen Michael, der auch in diesem Fall für das eine oder andere “Missgeschick” sorgen sollte. Aber lest selbst, es wird sich lohnen.
Triumphbogen
Unsere Reise in das alte Weltreich nach Italien hatten wir selbstverständlich wie immer ausgiebig geplant. Bereits im Reisebüro machten wir einen gut informierten Eindruck. Als uns die hilfbereitse Reisekauffrau merkwürdig anschaute und fragte, ob wir tatsächlich in der Osterzeit nach Rom reisen möchten, schauten Michael und ich uns verdutzt an. “Na, klar, oder ist Ostern zu?”, antworteten wir und schüttelten verständnislos den Kopf.

Jedenfalls: Zwei Tage vor Karfreitag gebucht, ein Tag vorher im prächtigen Rom gelandet. Ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt. Dies sollte mir aber nachhaltig klar werden, als wir direkt vor dem Petersdom unsere erste Runde drehten. Rom, Katholiken, Ostern, da war doch etwas? Nunja, rundum informiert und welterfahren sind wird eben waschechte Globetrotter mit dem Hang zu irrsinnigen Odysseen.

Natürlich machten wir uns in den ersten Tagen direkt auf den Weg, die historisch wertvollen Stätten zu besichtigen. ColosseumVatikan und Petersdom, Sixtinische Kapelle, Pantheon, Forum Romanum, wir ließen uns selbstredend nicht lumpen, waren angesichts der jüngsten Terroranschläge aber nicht ganz sicher, ob wir uns tatsächlich mit gewohnt norddeutscher Ruhe durch die Menschenmengen bewegen sollten, die einen christlichen Feiertag begehen. Und genau dies führt mich zur eigentlichen Geschichte, direkt zum vorletzten Tag unserer Reise.

An diesem drängte mich Micha nämlich, wie gewohnt, zu einer allerletzten Sause in den verwinkelten römischen Gassen. Kurzerhand klapperten wir die einladenden Bars ab und genehmigten uns erst einmal auf der Piazza Navona drei Flaschen Wein, schauten Clowns dabei zu, wie sie böse dreinblickende Russen übel mitspielten, Musikern, wie sie die romantische Kulisse des Kulturzentrum Italiens mit den wohlig-warmen Klängen eines Streicharguments zu einem wohlklingenden Stakkato pointierten, und Kartenspielern und Malern bei ihren zauberhaften Tricksereien und van-Gogh’schen Pinselführungen – herrlich!

Doch dann sollte der Abend so richtig in Fahrt kommen. Und wenn ich Abend sage, dann meine ich selbstverständlich Michael. Zuerst verirrten wir uns in eine kleine Seitenbar, in der wir uns direkt zu Anfang einen bis zehn Cocktails genehmigten. Natürlich kamen wir auch nicht umher, die eine oder andere “infinita bellezza” am Nachbartisch zu erblicken. Da Profigrabscher Micha unterdessen all seine Hemmungen – wie so oft – verloren hatte, scheute er sich natürlich nicht, den jungen Damen neben uns in einem Mix aus Deutsch, Polnisch, Italienisch und Zeichensprache zu entlocken, wo die beiden Wüteriche in Rom nochmals tierisch einen aufs Parkett schwingen könnten.
engelsburg
“Di fronte a tanta bellezza c’è da strabiliare”, hörte ich Micha mit seinem charmantesten Lächeln den Damen zuzwitschern. Der klassische Daumen gab mir derweil kund, dass er wie immer alles im Griff hatte. 36 Cocktails später machten wir uns dann endlich auf, das römische Nachtleben etwas intensiver kennenzulernen. Vorbei an der mondlichtbeschienenen Engelsburg tappten wir durch das europäische Kulturzentrum, als ich mich nach rechts umdrehte und bemerkte: “Moment, hier fehlt doch jemand?!” Tatsächlich war Michael verschwunden. Was nun?

Sollte ich rufen? Vielleicht Passanten nach einem glatzköpfigen und betrunkenen Taugenichts fragen? Hilft mir womöglich die römische Polizei weiter? Ein Handyanruf? Könnte der Hilfe bringen? Ich kann meinen Kumpanen doch nicht alleine lassen! Jedenfalls war ich mir meiner Verantwortung natürlich bewusst, einen stark alkoholisierten Freund nicht alleine einer fremden Stadt überlassen zu können, fernab des Hotels auch noch, wenn Bus und Metro schon längst nicht mehr fahren. Während ich all dies dachte, betrat ich zu meiner eigenen Überraschung das Hotel und legte mich ruhigen Gewissens schlafen…. obwohl mir war, als hätte ich irgendetwas..oder jemanden… vergessen. Nun gut, ich stellte mir den Wecker – wir mussten nächsten Tag um 9 Uhr in Richtung Flughafen abreisen – und schlief zufrieden ein.

7 Uhr und es hämmert an meine Hoteltür. “Huch, Zimmerservice? Na, der kriegt aber etwas von mir zu hören!”, denke ich in mich hinein. Ich erhebe mich aus dem Bett und öffne die Türe. Zu meiner – geringen – Verwunderung sehe ich Michael vor mir stehen. Seine ersten Worte: “Patrick, es tut mir wahnsinnig leid, aber ich brauche all dein Geld!” Derweil dröhnt mir eine Alkoholfahne entgegen, die sich sozusagen nicht gewaschen hatte. “Wo kommst du Sack denn her?”, frage ich ihn. “”Hääääää, vom Feiern natürlich, denk’ doch erstmal nach, bevor du mir solch eine dumme Frage stellst!”, schallt es mir entgegen. “Und wozu benötigst du mein ganzes Geld?!”, entgegne ich. “Naja, ich hab mich mit dem Taxi herkutschieren lassen und hab nichts mehr..”, bekomme ich als alles klärende Antwort. Ich gab ihm also all mein Geld und legte mich wieder schlafen, während ich noch hinterher rufe: “Denk dran, dass wir in 2 Stunden auschecken müssen!” Ich höre ein gestammeltes: “..Fresse…blö..Wichser…sons…bafftet!”

Um 8.50 Uhr verließ ich guten Mutes mein Zimmer und konnte ein wenig Schwermut nicht verbergen. Ich gab meinen Schlüssel an der Rezeption ab, freute mich über die 40 Euro Touristensteuer, die ich gerade noch mit Klimpergeld aus meiner Jacke zusammenkratzen konnte, und wartete auf den verkaterten Michael, der ein Zimmer im ersten Stock bewohnte. Gut eine Stunde später wurde ich dann doch stutzig, da der gute Herr nicht auftauchte. Also machte ich mich auf dem Weg zu seinem Zimmer, klopfte an und war erstaunt, als die Tür sich langsam aufbewegte. “Ey, du Honk, du hast deine Zimmertür nicht zugemacht, wir müssen los!”, brülle ich hinein und sehe Hosen, Hemden, Gerödel und einen Toten im Zimmer liegen. “Alter, das kann doch nicht dein Ernst sein, man, wir müssen los, wir verpassen den beschissenen Flug, man, los da!”, schreie ich und höre folgendes Genuschel: “Mmmh, nur noch 30 Minuten, Mutter!…”

Schäumend vor Wut schmiss ich sodann mit diversem Krimskrams nach meinem treuen Begleiter, auf den – wieder einmal – so gar kein Verlass gewesen ist. Zu meinem großen Erstaunen bemüht sich der noch leicht angetrunkene Michael dann doch aus dem Bettchen, packt seine sieben Sachen und wir verlassen eine der schönsten Städte der Welt mit einem Kater und nicht mehr ganz so guter Laune gen Heimat… So zumindest hätte ich es mir gewünscht, dass es kommt. Doch urplötzlich stehen wir vor einem ganz anderen Problem. Denn den 33 Kilometer entfernten Flughafen Rom Fiumicino erreichen wir ja wohl kaum zu Fuß. Und das letzte Geld, das uns das Ticket lösen sollte, nun, das hatte mein wachsamer Weggefährte natürlich am letzten Abend versoffen – bzw. ich habe dies seinem Taxifahrer gegeben.

“Alter, wo warst du, was hast du gemacht, wo ist all unser Geld, wie kommen wir nach Hause und… ALTER!!”, brülle ich wortgewaltig in seine Richtung, als wir auf unseren Koffern verzweifelt inmitten von Rom sitzen. “Hää, was weiß ich denn? Bin irgendwie mit zwei Schwulen durch die Gegend gezogen, die haben mich aber eingeladen. Aber ich wusste ja nicht, dass die schwul sind, bis mir der eine andauernd an den Arsch gegrabscht hat!”, bekomme ich als Antwort. “Was haben denn die Schwulen aus Rom mit unserem Geldproblem zu tun?! Die Frage ist, was DU dir gedacht hast!” antworte ich in der Hoffnung, dass Micha endlich erkennt, wo das Problem derzeit liegt. “Keine Sorge, Patrick, nachdem sie mich angefasst hatten, bin ich sofort geflüchtet.”, so seine gewohnt souveräne Antwort, die er mit einem verschmitzten Blick zu unterstreichen versucht.

“Naja, und dann bin ich irgendwie zum Nationalmuseum geflüchtet, über den Bauzaun geklettert und eingebrochen. Dann sah ich auf einmal diese Riesen-Zeusstatue. Da bin ich dann natürlich hochgeklettert und auf dem Riesen-Pegasus geritten, bis urplötzlich Scheinwerfer auf mich gerichtet wurden. Dann kamen Soldaten mit Maschinengewehren, die mir irgendwas auf Italienisch zugerufen haben. Bin dann halt irgendwie runter und die haben mich doch recht rabiat angepackt. Dabei meinte ich, dass ich auch durchaus alleine herunterkomme und auch alleine gehen kann, bin wieder ins Taxi und weg. Man man, nur weil ich aussehe wie ein Terrorist und gerade überall Anschläge waren, müssen die ja nicht so ausrasten, wenn ich ins Nationalmuseum einbreche!”

Fassungslos starre ich auf meinen Wegbegleiter und spiele stark mit dem Gedanken, den Jungen ganz einfach am Straßenrand zu parken und alleine zu verschwinden. Doch auch ich habe natürlich kein Geld, bis mir eine Idee kommt: Michaels luxuriöse 500-Euro-Uhr – ab auf den Schwarzmarkt! Doch ich hatte nicht mit den ungeahnten Kräften eines betrunkenen Mannes gerechnet, der versucht, seine Armbanduhr vor einem verzweifelten Mann mit Heimweh zu beschützen. Doch wenn man einmal nicht weiter weiß, dann hilft bekanntlich der Zufall weiter und nach wenigen Minuten hatten wir dann doch 6,49 Euro Klimpergeld für die Zugfahrt beisammen – na herrlich!

Endlich auf dem römischen Flughafen angekommen versuchten wir händeringend, an Geld zu gelangen. Denn bekanntermaßen mangelt es dem Körper nach einem Saufgelage an Flüssigkeit und Elektrolyten. Nachdem wir uns wie das jüdische Volk nach 40 Jahren Wüstenlauf fühlten und fast schon mit dem Gedanken spielten, am Kiosk eine 19-Cent-Wasserflasche zu stehlen, fanden wir endlich einen Geldautomaten, an dem ich glücklicherweise Geld abheben konnte. Jetzt waren wir endlich wieder vorne!

Doch das nächste schicksalsträchtige Ereignis sollte nicht lange auf sich warten lassen: Denn unser Flug über Brüssel wurde leider verschoben. Wer sich erinnert: Der Terrorismus hatte erst vor kurzem zu einem Bum-Bum der heftigeren Sorte geladen und war der festen Überzeugung, Menschen aus dem überwiegend christlichen Abendland mit einer Explosion zum islamischen Glauben zu bekehren. Überraschenderweise half dies nicht ganz so fiel, wie es beispielsweise eine Einladung zu Kaffee und Kuchen womöglich getan hätte, und nun saßen wir fest mit 7-stündiger Wartezeit am römischen Flughafen. Na, danke.

Gefühlte 20 Stunden später hatten wir es allerdings geschafft: Endlich durften wir wieder deutschen Boden betreten, waren aber in unserem T-Shirt und mit kurzer Hose angezogen überrascht über das nass-kühle Wetter in Deutschland, das den besonders eindringlichen Kontrast zum maritimen römischen Mittelmeer-Flair ausmacht. Schnurstracks machten wir uns auf dem Weg zum Auto, das wir besonders intelligenten jungen Männer natürlich nicht für teures Geld auf dem Flughafenparkplatz, sondern gekonnt in einer nahen Wohnsiedlung parkten. Nur leider war dies nicht gestattet – und das Auto war natürlich weg. Zwei zwielichtige Gestalten wiesen uns, die wir wild umherirrend nach unserem Auto suchten, schmunzelnd darauf hin, dass unser Auto gewiss abgeschleppt wurde. Dies passiere hier angeblich öfters.

Mitten im Regen mit sommerlicher Kleidung inmitten von Hamburg stehend – um 1.49 Uhr nachts natürlich – riefen wir also die Polizei an: “Ey, Mann, wo ist mein Auto?!” Die freundliche Polente wies uns glücklicherweise den Weg. Sechs Kilometer mussten wir laufen – dehydriert, frierend, hungrig, müde. Am Ende aber alles egal, Hauptsache zu Hause, wenn auch krank für die nächsten zwei Wochen und urlaubsreif.

Wieder eine Nacht überstanden, welch ein Glück! Mit Können hat unsere Alpenreise unterdessen lange nichts mehr zu tun, da bin ich mir zu diesem Zeitpunkt sicher. Wer jemals bei gefühlten Minusgraden ohne Möglichkeit, sich aufzuwärmen, auf einem Berg erwacht ist und in klitschnassen Klamotten steckte, der mag nachvollziehen können, wie ich mich zu diesem Zeitpunkt fühle. Doch glücklicherweise starten wir an diesem Tag nicht direkt zu einer neuen 20-Kilometer-Tour, sondern beschließen, den Wandertag mit drei kakaohaltigen Getränken zu beginnen.

Hüttenernie empfängt uns diesen Morgen mit süffisantem Grinsen und ausgeruht. Demgegenüber ich: Fertig. Aus dem “Kraftlackl”, den ich vielleicht nicht ganz ohne geheimen Stolz noch am letzten Tage von mir wies, ist ein “Zniachterl” geworden, der kurz davor ist, sich auf den Boden zu schmeißen und nach seiner Mama zu rufen. Doch anmerken lasse ich mir natürlich nichts und insgeheim bin ich doch beglückt, mich genau in dem Abenteuer zu befinden, das ich mir selbst versprochen hatte. Also, raus aus der Hütte und weiter geht’s!

Fuad und der Gipfelstürmer

07.55 Uhr

Frohen Mutes wandern wir los und stoßen direkt nach den ersten Metern auf die gewohnten Probleme. Wo geht es eigentlich lang? Hüttenernie hatte uns zwar eine relativ genaue Anweisung gegeben und unsere Fragen mit den Worten “Auf keinen Fall könnt ihr den Weg verfehlen” beantwortet, doch, wie vorherzusehen, finden wir eben jenen Weg nicht.
Bereits kurze Zeit später durchstreifen wir meterhohe Sträucher, überqueren reißende Bächlein und wehren uns gegen allerlei tierisches Kleinvieh, das uns bereits am Morgen die sprichwörtliche Tour versauen will.

Urplötzlich bemerken wir auf der anderen Seite des sich mittlerweile neben uns befindlichen Bergsees zwei Jagdgesellen, die mit Harpune und Fangnetzen nach hiesigen Fischen jagen. Dessen sind wir uns sicher. Als die Fischer unser Dreigespann erblicken, meinen wir, von Weiten wild ausufernde Gebärdensprache zu deuten. Wedelnd und rudernd scheinen die beiden Männer uns etwas mitteilen zu ich gut draufwollen. “Ach, schau mal dort, wie sie uns winken, da wink ich doch glatt zurück!”, sage ich zu den beiden anderen, während ich meiner guten Stimmung durch den bekannten gehobenen Daumen Ausdruck verleihe.

Unbeirrt gehen wir also weiter, als wir dann auch noch lautes Rufen vernehmen. “Ob die uns warnen wollen?”, fragt Fuad. “Quatsch, wovor denn? Es droht keine Gefahr!”, konstatiert Micha das Geschehen und fordert uns, bereits etwas angenervt von der durchaus angebrachten Vorsicht, auf: “Trottet euch, Hobbits!”

Da auch der Weg etwas begehbarer wird, wähnen wir uns – wieder einmal – im Recht. Doch dann: Das Ende des Pfades. Kein Vorbeikommen, kein Weiterkommen, nicht einmal eine Kraxelmöglichkeit. Das zumindest war meine Meinung. Man.

11.15 Uhr

Kaum habe ich mich selbst davon überzeugt, dass es mir das Risiko nicht wert ist, den lebensmüden Pfad zu beschreiten, dass es gar für Menschen unmöglich sei, dort hinüberzugelangen, seh ich Fuad die ersten Schritte tätigen – so, als ob es ganz selbstverständlich sei. Micha folgt ihm natürlich sofort. Verwundert schauen sich die beiden um, wo der so ansonsten so wagemutige Patrick denn bleibe. Mich allerdings hat es zurückgeschlagen. “Ich geh außen rum!”, schrei ich den Verrückten entgegen und ziehe peinlich berührt vondannen.

Dabei denke ich mir allerdings, ob ich den beiden nicht doch zu Vernunft raten sollte. “Wenn hier einer stirbt, dann bin ja wohl ich das!”, denke ich so in mich hinein und lass meine Gefährten letzten Endes dennoch walten. Einmal blicke ich mich noch um und sehe Micha, mir mit heiterem Gemüt zum Abschied winken. “Dieser Trottel”, springt es mir in den Kopf. Schaut ihn euch doch an.

Micha winkend

Ich hingegen mache mich laufend auf den Weg zurück, um den eigentlichen und deutlich sichereren Pfad zu beschreiten. Nach circa einer Stunde überquere ich den just erwähnten See über eine Brücke, die aus einem einzigen Stück Holz gefertigt ist, so scheint mir: morsch, brüchig, einfach mit all den Attributen versehen, die man sich beim Überqueren einer Schlucht oder eines reißenden Flusses so wünscht.

13.23 Uhr

Auf der anderen Seite erblicke ich meine Freunde, die nur noch als kleine schwarze Punkte an einer monumentalen Felswand erscheinen, wie sie verzweifelt gestikulierend dem jeweils anderen zu übermitteln versuchen, was in dieser aussichtslosen Situation zu tun sei. “Kann mir ja egal sein”, bewerte ich die Situation mit ein wenig Häme.
Diese Gehässigkeit wird aber zugleich bestraft, als ich – joggend mit Gepäck – sehe, welchen Weg ich noch vor mir habe.

Unterdessen laufe ich an den vorab beschriebenen Anglern vorbei, die mich mit einem Kopfschütteln auffällig unauffällig versuchen zu ignorieren. “Grüüüüüüüüß diiiiioooaaa”, rufe ich betont selbstbewusst. Ich habe alles unter Kontrolle.

Was man von den beiden anderen zu diesem Zeitpunkt gewiss nicht behaupten kann. Aber wie es nicht anders zu erwarten war, meistern sie auch diesen Überstieg mehr oder minder unbeschadet – bis auf Fuad womöglich, der – wie ich zuvor – während des Überstiegs auf Tuchfühlung mit Michas Arsch gehen musste, der auch mir vor einigen Tagen bereits eine böse Überraschung bescherte. “Never change a winning team”, rufe ich den beiden siegesbewusst zu, als wir uns am Ufer des Sees wiedersehen und beschließen, das erste Abenteuer des Tages auf dem benachbarten Staudamm nochmals Revue passieren zu lassen und feststellen, dass der da(r)mmbrucherfahrene Micha heute eine ganz andere Dammerfahrung machen durfte.

Bergsee

15.39 Uhr

The show must go on. Und so machen wir uns wieder auf den Weg, um den nächsten und hoffentlich letzten Part des Tages hinter uns zu bringen. Auf ebenem Terrain kann dann auch ich wieder meine Stärken ausspielen: Dumme Ratschläge geben und schnurstracks geradeausgehen. Während ich schon fast im Stechschritt unterwegs bin, Micha flotten Fußes mithält, lässt es Fuad etwas ruhiger angehen. Der Schreck auf dem Damm steckt ihm wohl noch in den Gliedern.

BerghütteAls wir auf einmal bemerken, dass wir im Grunde noch gar keine Höhenmeter hinter uns gebracht haben, gefriert sich unser Lachen dann doch zu Eis, zumal uns unsere kleine Klettertour zeitlich stark zurückgeworfen hatte. Aber sei es drum. “Bestimmt nur noch ein Kamm, oder?”, ruf ich zu Micha herüber, der mir zustimmend zunickt. Nun, drei bis 20 Kämme sollten es dann aber doch noch werden.

Auf unserem Weg zur Hütte sollte sich sodann nicht mehr allzu viel ereignen, worüber wir alle ziemlich froh waren. Vor uns erblicken wir nach einigen Stunden die sehnlich herbeigewünschte Hütte, auf der wir uns, wie üblich, zu allerlei Köstlichkeiten einladen, die in diesem Fall in einen überschwänglichen Umtrunk münden. 25 Minuten nach dem Essen und vier naturtrübe Bergradler später lachen wir uns schaukelnd und schunkelnd die Kehle aus dem Leib, als wir uns den bisherigen Tag in Erinnerung rufen.

Völlig voll geht es dann wieder nach draußen, nachdem wir inmitten der illustren Spießergesellschaft schnell bemerkten, dass man für die lockere norddeutsche Wandertradtion, sich nach erfolgreichem Trip so richtig zu besaufen, in der Alpenregion wohl nur wenig Verständnis aufbringen kann oder will.

19.45 Uhr

Wer noch niemals mit zwei Promille Blutalkohol und schwerem Gepäck über messerscharfe Felsblöcke getorkelt ist, dem sei dies an dieser Stelle empfohlen. Während wir so nach einem Schlafplatz suchen und uns mit den gewohnten Schwierigkeiten auseinandersetzen, gelangt schlussendlich doch noch die Erkenntnis zu mir, vor der ich mich so lange sträubte: Nächstes Mal, Patrick, da nimmst du ein Zelt mit. Denn wer hat schon Lust, betrunken und vollständig ausgelaugt eine Plane zu einer funktionellen Behausung zusammenzufriemeln?!

Zwar finden wir relativ zügig ein geeignetes Plätzchen, zum Aufbau einer meiner mittlerweile berühmt-berüchtigten Tarp-Konstruktionen fühle ich mich indes nicht mehr imstande. Micha, der Trunkenbold, kann allem Anschein nach erst durch Alkohol auf seine verborgenen Kräfte zugreifen und ihm gelingt es, einen tatsächlich brauchbaren Unterschlupf zu konstruieren.

All dies geschieht, während ich mich bereits längst in Fuads Zelt geschummelt habe. “Ich habe fertig für heute!”, schwirrt es mir im Kopfe, als ich mich mit Blick auf die untergehende Sonne zur Nacht bette wie ein Schmetterling, der nur zurück in seinen Kokon entschwinden möchte, hoffend, am nächsten Tage ausgeruht in den letzten Tag unserer Abenteuerreise starten zu können.

Abendsonne

Es war bereits 07.00 Uhr in der Früh, als ich erwachte. Das Wetter meinte es diese Nacht nicht sonderlich gut mit mir. Es war aber die erste Nacht, die ich gänzlich allein verbrachte. Die anderen beiden Deppen teilten sich dieses Mal eine Behausung. Wir übernachteten unweit der Hütte entfernt, an der wir am Abend zuvor noch kohlenhydratreiche Stärkungen zu uns nahmen, inmitten eines freien Feldes. Wie immer standen auch hier die Möglichkeiten schlecht, eine adäquate Behausung zu errichten. Als mittlerweile professioneller Survival-Experte – nach zwei Tagen in den Bergen behaupte ich dies mit Fug und Recht – gestaltete sich mein Tarp-Unterschlupf sowohl funktional als auch optisch als die gewünschte sichere Überdachung gegen das stürmische und regnerische Unwetter. Aber seht selbst.

Profi-Tarp

Jedenfalls staunte ich nicht schlecht, als Schlafsack, Rucksack und – kurioserweise – sogar meine Wolldecke gänzlich durchnässt waren, derweil sich die Nacht dem Ende neigte und ich begann, erste Maßnahmen gegen akute Panik zu ergreifen. “Nur nicht nass werden!”, schwirrt es mir noch im Kopf rum. Immerhin: Knapp zwei Tage konnte ich der wichtigsten Regel in den Bergen Folge leisten!

Da mir keine andere Wahl blieb, packte ich meine Sachen. Auch die anderen waren bereits mit Sack und Pack aufgerödelt und bereit, neue Höhen zu erklimmen. Ein wenig trotzigen Neid konnte ich unterdessen nicht verstecken. Den anderen Gipfelstürmern war eine deutlich trockenere Nacht beschert gewesen. Aber hey, was soll’s, weiter geht’s!

8.35 Uhr

Als wir losgehen, folgen wir zuerst einem sandigen Pfad. Auch die Sonne zeigt ihr freundliches Gesicht und besonders meine Wenigkeit ist ob der überraschend warmen Wendung des jungen Tages wohlig zumute. Doch bereits nach kurzer Zeit verlässt uns erneut der bereits des Öfteren angepriesene Orientierungssinn und wir wissen nicht so recht, welcher der Berge der unsrige ist. Glücklicherweise begegnen wir einem Jungen-Mädchen respektive Mädchen-Jungen, markantes Gesicht, riesige Pranken, hellblond gelocktes Haar mit Schleifchen eingeflochten, der/das uns den Weg weist.

Nur einige Meter weiter übernehme ich mich bei der Überwindung eines Seils, das monumentale 10 Zentimeter über den Boden gespannt ist und den Pfad vor unbefugtem Betritt bewahren soll. Ich falle fast. “Aber den 2.000 Meter hohen Berg meistere ich gewiss mit Geschick”, denke ich so in mich hinein, während die anderen Kumpanen lachend und spöttisch dreinblicken.

Luftige HöhenAls mittlerweile unangefochtener Trottel unserer geselligen Wandertruppe führe ich die Bande dann endlich wieder in luftigere Höhen. Der Anblick der gewaltigen Steinriesen ist trotz des mittlerweile fast schon gewohnten Anblicks noch immer einmalig faszinierend.

Zwar genehmigen wir uns auf unserem Kraxelweg nun die ein oder andere Pause mehr – wir haben ja aus den letzten beiden Tagen gelernt – dennoch geht es zügig voran, bis uns buchstäblich ein Drahtseilakt erwartet.

11.24 Uhr

Ich, die personifizierte Trittsicherheit, breche in schallerndes Gelächter aus, als mir mein Tod in weiser Voraussicht von den anderen Halunken vor Augen geführt wird. Denn nach der Meisterung des Kamms geht es hinab, steil, an einer Steilwand. Selbstsicher lasse ich der kleinen Wandergruppe, die uns mittlerweile eingeholt hat, den Vortritt und schaue, wie die neunjährigen Kinder sicheren Schrittes hinabsteigen. “Da lasse ich mich ja nicht lumpen!”, gebe ich mit zittriger Stimme vor, packe das raue Stahlseil mit fester Hand und lasse mich unbeirrt in die unendliche Tiefe gleiten.

Unendliche Tiefe“Unten ankommen wirst du auf jeden Fall”, denke ich mir. Oben vernehme ich hämisches Grinsen. Micha fühlt sich zu diesem Zeitpunkt nicht bloß aufgrund seiner erhöhten Position überlegen. Nach gefühlten Stunden und dem einen oder anderen Rutscher, an den ich mich mittlerweile gewöhnte, lande ich dann doch unten auf sicherem Gelände. Der Abstieg war geschafft. Und das sogar relativ heile!

Dann fällt mir hingegen auf, dass der dritte Mann im Bunde einmal wieder aus dem Blickwinkel entschwunden war. “Ey man, wo ist eigentlich Fuad?”, röhre ich hinauf zu Micha. Einen Wink weiter erblicke ich den lebensmüden Halbwüchsigen, wie er er sich auf eine Schneedecke setzt und entscheidet, die 100 Meter, die es in die Tiefe geht, abzukürzen: “Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist bekanntlich ein Gletscher”, konstatieren wir und sehen, wie Fuad tatsächlich hinabrodelt. “Das müsste Rodeln im eigentlichen Sinne sein”, kommentieren wir die Szene etwas lapidar, unwissend, ob der Rodler-Neuling das waghalsige Rennen mit seinem Leben bezahlt oder nicht.

Gletscherrutsch

13.45 Uhr

Urplötzlich entdecken wir inmitten eines Geröllfeldes Fuad wieder. Wieder einmal hat sich bewiesen, dass alle Wege in den Bergen auf kurz oder lang nach unten führen – welch Ironie. Micha und ich kämpfen uns über messerscharfe Felsbrocken und entdecken vor, neben und unter uns metallischen Unrat, den wir flugerfahrene Piloten umgehend abgestürzten Maschinen, in diesem Fall einer “Focke-Wulf Fw 190”, der sogenannten “Würger, aus dem 2. Weltkrieg zuordnen.Flugzeugteil

Fuad hat unterdessen eine neue Bekanntschaft gemacht. Ein junger Wandersmann gibt sich zu erkennen, der mir mit seiner österreichischen Altweiberfrisur nicht ganz integer erscheint. “Er folgt uns bereits seit drei Tagen”, werfe ich mit einem leichten Anflug tiefsitzender Paranoia entgegen. “Wir sollten Vorsicht walten lassen und zum Äußerten greifen, wenn nötig!”, fahre ich fort. “Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand”, werde ich daraufhin von Micha belehrt. “Närrischer Tuk!”, schallt es ihm entgegen, als ich mich spöttisch abwende.

Am Ende sollte sich der junge Mann als unterhaltsamer Geselle herausstellen, der uns den weiteren Weg bis zur Hütte weist, auf der wir – wie gewohnt – hastig um Verpflegung in Form von Gerstensaft bitten. Just in diesem Moment gesellen sich auch noch zwei schicke mittsechziger Damen zu uns, die mich direkt als “Kraftlackl” betiteln. Nicht wissend, ob sie mich auf ein Duell herausfordern, reagiere ich mit tollkühnen Drohgebärden. Nach einigen weiteren Minuten beschließen wir, uns nach draußen zu begeben, um ein geeignetes Plätzchen für unser Shelter zu finden.

16.29

Tristesse macht sich rasch breit, als das Wetter wieder einmal beschließt, uns das geruhsame Leben in den Bergen zur Hölle zu machen. Auch der Aufbau unseres Unterschlumpfs gestaltet sich aufgrund des Sturms, der sich urplötzlich bahnbricht, nicht gerade einfach. Gegen Windmühlen kämpfend verlegen wir Stein um Stein, als der Himmel seine Pforten öffnet und uns obendrein mit wasserfallartigen Regengüssen betröpfelt. Fuad hatte sich zu dieser Zeit selbstverständlich wieder in sein wasserfestes Zelt zurückgezogen.

Im Zelt

Doch schlussendlich bezwingen wir Mutter Natur und erbauen einen mehr oder minder vorzeigbaren und verlässlichen Unterbau an einem Steinhang. Einige abschließende Worte finden Micha und ich noch, für ein Selfie ist natürlich ebenfalls Zeit, bevor wir uns auf unseren Steinkissen zur Ruhe betten.

“Verdammte Fresse noch eins!”, denke ich, als ich plötzlich aufwache und bemerke, dass mir im Sekundentakt eiskalte Wassertropfen in das Gesicht springen. Als ich im Halbschlaf nach meiner sich gewohnt neben dem Bett befindlichen Stehlampe greife, um der Sache auf den Grund zu gehen, kommt die Erkenntnis: Ich liege nicht in meinem Bett. Stattdessen befinde ich mich mitten im Nirgendwo, in den Alpen, auf irgendeinem Berg und drohe – zu ertrinken, derartig hoch ist bereits der Wasserstand in meinem “Zelt”. Nach der Freude darüber, dass das Dach meines Hauses nicht löchrig zu sein scheint, steigt der Ärger darüber empor, dass mich ein wesentlich schlimmeres Schicksal ereilt: Ich liege in einer Pfütze, die schon fast meterhohe Wellen schläft. Es ist Nacht. Ich sehe nichts. Es sind gefühlte -10 Grad Celsius. Ich rufe um Hilfe: “Help, help, help!” Doch Hilfe wird nicht kommen.

Währenddessen vernehme ich tiefes und geruhsames Schlafen aus dem Nachbarzelt. Die Investition in ein überdachtes und schnell aufzubauendes Gehäuse macht sich bei Fuad bezahlt. Meine Meinung, Zelte seien nichts für echte Abenteurer, bereue ich bitterlich. Aber nun gut, jetzt gilt es, seinen Mann zu stehen. Ich bemühe mich aus meinem Schlafsack, in dem ich nur mit Boxershorts bekleidet liege, in die freie Wildbahn, blind mich emportastend und bemüht, mein Tarp-Konstrukt zu richten. Nebenan dreht sich Micha in wolliger Wärme umher und unterstützt mich mit der Anweisung, ich solle mich verdammt nochmal beeilen, ihm sei kalt in seinem High-End-Schlafsack und er hätte erst 10 Stunden geruht.

Einige Steine richte ich hin und her, stelle einige Stöcker wieder auf und das Tarp liegt wieder auf Spannung. Herausforderung bestanden und es bleibt sogar noch Zeit, einige Stunden zu schlafen….

6.29 Uhr

Wie gewohnt erwache ich als erster aus meinem doch sehr leichten Schlaf. Froh ob der Tatsache, dass unsere minderwertige Behausung die Nacht überstanden hat, versuche ich, mich wieder in meine Wanderausrüstung zu zwängen. Als Rudelführer sorge ich mich selbstverständlich auch um meine Herde. Fuad scheint bereits wach. Nur von Micha ist noch nichts zu hören. Nach einigen lauten Rufen bittet mich der Abenteurer, ihm nur noch 30 Minuten zu geben. Kopfschüttelnd und etwas besorgt krame ich im Rucksack nach meiner Taschenlampe, um mich visuell von seinem physischen Wohlergehen zu überzeugen und begehe den Fehler meines Lebens:

Ich leuchte in den hinteren Teil unserer Tarp-Konstruktion und starre auf den Arsch meines Kumpels, der sich mir spöttisch entgegenstreckt. Wildes Geschrei verlässt meinen Mund. Micha reagiert mit einem souveränen: “Hä?! Was leuchtest du hier hinein?”
Nachdem der Schrecken allmählich versiegte, bemühen wir uns dann doch auf, packen unsere sieben Sachen und machen uns auf den Weg, den schwierigsten Abschnitt unserer Reise zu meistern: den unendlichen Pfad.

Der unendliche Pfad

7.11 Uhr

Schnell bemerken wir, dass es selbst in den Sommermonaten nicht allzu warm auf dem Berge ist – besonders nicht zu einer derartig unchristlichen Zeit. Als wir die ersten Gletscherreste erspähen, fröstelt es uns noch um einiges mehr. Schwermut liegt auf dem Lande und bedeckt kurzfristig unser helles Gemüt. Gletscherrest Doch natürlich hält uns dies nicht ab, Schritt um Schritt voranzuschreiten, wir sind ja bestens vorbereitet – auch mental. Die ersten zehn Minuten wandern wir tatsächlich ohne Pause und erste Theorien werden geäußert, unsere Körper hätten die raue Bergluft sehr schnell adaptieren können. Der Energieriegel, den ich mir einige Sekunden zuvor verabreicht habe, dürfte sich ebenfalls ausgezahlt haben. Fast schon unspektakulär spulen wir Meter um Meter ab. Die Nebeldecke gewährt uns derweil keinerlei Aussicht und wir verlieren uns in schwärmerisches Gerede, als mein rechter Fuß auf unsicheres Terrain tritt und ich beinahe 3.278 Meter in die Tiefe stürze. Gelächter bricht aus, mir stockt der Atem und wir entscheiden uns für eine kurze Pause und eines dieser Fotos, auf dem man nur die Landschaft und Füße sieht. Das ist ja nun voll angesagt, also müssen wir etwas Derartiges auch machen.Füße

10.12 Uhr

Es geht nach der kurzen Verschnaufpause immer weiter hinauf. Wir überholen die Wolken, ziehen an Gott und Jesus vorbei und wundern uns, dass wir in derartigen Höhen noch immer ohne zusätzlichen Sauerstoff überleben können. Wir kraxeln und klettern, überwinden Felsenschluchten und Gletscherspalten, bewältigen 90-Grad-Steilhänge und erstarren urplötzlich in verharrender Ruhe, als wir durch das dichte Nebelgewirr unter einem blauen Himmel emporgestiegen sind und von einer Aussicht überrascht werden, die ihresgleichen sucht.
Aussicht Spitze

Nach einem kurzen Aufenthalt nehmen wir schweren Herzens Abschied von dieser majestätischen Höhe, auf der unserer Meinung nach noch nie ein Mensch zuvor gewesen sein kann. Aus der Ferne erblicken wir einen kleinen Gletschersee und nutzen diese Gelegenheit, uns Schweiß und Dreck aus dem Gesicht zu putzen. Hüpfend und jauchzend gehen wir unseres Weges, sollten jedoch schon bald vor einer neuen Herausforderung stehen.

14.05

SteilwandWir gelangen an eine pompöse und ebenso furcheinflößende Steilwand, die nicht einmal mit professioneller Bergsteigerrüstung zu überwältigen wäre. Wir machen uns mit Sack und Pack ans Werk, denn unsere Zehen sind unsere Steigeisen, unsere Hände unsere Eispickel. Micha und ich erklimmen unter zum Zerreißen angespannter Körperhaltung Zentimeter um Zentimeter, jederzeit der Gefahr trotzend, unendlich weit in das tiefe Nichts zu stürzen. Fuad entscheidet sich unterdessen, einen alternativen Weg einzuschlagen und schon bald gerät er aus unserem Blickfeld.
Fast die Hälfte der Wand erklommen, sehen wir hoch droben einen wuseligen schwarzbehaarten Kopf hinabblicken. Der flinke Fuad hatte einen alternativen Pfad abseits des Weges gefunden. Am Ende sollte sich herausstellen, dass dies der eigentliche Wanderweg war, Micha und ich hingegen den deutlich umständlicheren und nicht begehbaren Pfad wählten. Doch wir lieben bekanntlich die Herausforderung, vor allen Dingen die ungewollte.
Auf dem Gipfel

16.45 Uhr

Unser Leben am Ende doch erhaltend, schreiten wir nach getaner Arbeit voran. Neben uns erhebt sich Naturschauspiel um Naturschauspiel, Kamm um Kamm, doch wir schreiten voran. Die unendliche Weite will nicht abreißen, doch wir schreiten! Verdammt, einen ewigen Pfad zu folgen, werden wir überholt von Kindern und Frauen, Großeltern und ihren Enkeln. Allmählich fühle ich mich an Dantes Höllenkreise erinnert: Je näher wir dem Ziel rücken, desto schrecklicher wird der Pfad. Und jedes Mal, da wir denken “Gleich ist es geschafft”, erwartet uns der nächste Anstieg. “Nur noch ein Kamm!”, ruft Micha mir noch zu, als ich aus der Ferne 10 weitere Kämme erblicke, die es noch zu überqueren gilt.
Ankunft Dem körperlichen Exitus nahe keimt urplötzlich Hoffnung auf, als weit entfernt ein Holzhüttchen als kleiner unscheinbarer Punkt in der Ewigkeit in unser Blickfeld tritt. Dass sich dieser Punkt noch einige Kilometer vor uns befindet, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner. Befähigt mit einem perfekten Orientierungssinn schaffen wir es, uns in der Ebene auf einem freien Feld mit freiem Blick auf unser Ziel zu verlaufen. Die Bergprofis sind unterwegs!

Nach gefühlten Jahren der Wanderung kommen wir am Ende dann doch an der zweiten Hütte an, aufgezehrt und verwundert, dass unsere Füße uns soweit trugen. Wir bestellen Spaghetti und Apfelstrudel, Salat und Kakao, Radler und Bier und konstatieren: Am Ende wird immer alles gut, nichtsahnend, dass uns eine zweite regnerische und eisige Nacht erwartet. Außer Fuad.